"Die Deutschen sollten besorgter sein als andere" – Seite 1

ZEIT ONLINE: Herr Eichengreen, ist das Wahlergebnis in Griechenland nicht ein Beleg dafür, dass Weltuntergangsszenarien am Ende doch nie eintreten und wir alle etwas optimistischer sein sollten?

Barry Eichengreen:
Nein. Ein Sieg von Syriza hätte einen Bankensturm in Südeuropa in Gang gesetzt. Die Europäische Zentralbank wäre gezwungen gewesen, sich mit außergewöhnlichen Notmaßnahmen und Liquiditätsspritzen gegen die Panik zu stemmen.

ZEIT ONLINE: Jetzt bekommen die Griechen hingegen eine Regierung , die weiter sparen und reformieren will.

Eichengreen: Dass die konservative Nea Dimokratia den größten Stimmanteil von allen Parteien errungen hat, ändert nichts. Der Schuldenstand Griechenlands ist weiterhin zerstörerisch hoch. Die Defizitziele der Troika sind unrealistisch und nicht zu halten.

ZEIT ONLINE:Brüsselwill nachverhandeln , heißt es.

Eichengreen: Der öffentlichen Hand in Griechenland wird dennoch bald das Geld ausgehen. Die Depression geht weiter, und die Zustimmung wird für jede neue Regierung erodieren. Alle Fragen der vergangenen Wochen werden wieder auf den Tisch kommen: Kommt es zu einer Staatspleite Griechenlands? Kann Griechenland pleite gehen, ohne den Euro zu verlassen?

ZEIT ONLINE: Das Wahlergebnis bedeutet einen Zeitgewinn.

Eichengreen: Ich würde es so sagen: Die Panik ist der Furcht gewichen, dass die Panik bald wieder kommen könnte. Ohnehin ist Griechenland nur ein Nebenschauplatz. Der eigentliche Grund zur Sorge ist Spanien .

ZEIT ONLINE: Sie waren einer der ersten , der vor den Parallelen zwischen der Großen Depression der dreißiger Jahre und der heutigen Krise gewarnt haben. Gilt die Warnung noch?

Eichengreen: Was die Große Depression damals groß machte, war, dass sie global war. Der Absturz war nicht auf ein Land oder eine Region begrenzt. Das ist das Risiko, vor dem wir jetzt wieder stehen. Es droht ja nicht nur eine Rezession und ein finanzielles Desaster in Europa. Auch in den USA schwächt sich das Wachstum ab. Der sogenannte fiscal cliff , der uns am Ende des Jahres erwartet...

ZEIT ONLINE: ... Steuererleichterungen aus der Bush-Ära, die auslaufen und beschlossene Sparmaßnahmen der Regierung Obama...

Eichengreen: ... kann Amerika wieder zurück in die Rezession drücken. Auch Chinas Wirtschaft wächst langsamer. Die chinesische Regierung hat gemischte Signale gesendet, ob sie eine erneute Rezession mit einem Konjunkturprogramm bekämpfen wird wie noch 2008 und 2009. Eine Rezession in den USA, in Europa und in China wäre ein äußerst düsteres ökonomisches Szenario.

"Was Angela Merkel hemmt, ist ihr eigenes Temperament"

ZEIT ONLINE: Welche Parallelen zu den dreißiger Jahren gibt es noch?

Eichengreen: Damals waren die führenden Politiker unfähig zu reagieren. Sie waren ideologisch starr, machten sich große Sorgen um Moral und Verantwortung und zeigten mit den Fingern auf andere. Das alles erinnert mich sehr an unser politisches Führungspersonal heute.

ZEIT ONLINE:  Amerikas Ökonomen kritisieren derzeit vor allem die Deutschen. Was ist falsch an  Angela Merkels Politik?

Eichengreen: Ich denke, dass die deutsche Kanzlerin die Dynamik der Krise im Wesentlichen versteht. Was sie hemmt, ist ihr eigenes Temperament und innenpolitische Zwänge. Frau Merkel will kühl überlegt an einer politischen Union, einer Fiskalunion und einer Bankenunion in Europa arbeiten – in dieser Reihenfolge. Und sie braucht Zeit, um den Wählern daheim zu erklären, dass eine solche Agenda wünschenswert ist.

ZEIT ONLINE: Klingt zumindest durchdacht.

Eichengreen: Das Problem daran ist: Während Angela Merkel bedächtig voranschreitet, bewegt sich die Krise sehr schnell. Europa braucht eine Bankenunion, eine Fiskalunion und eine politische Union – und zwar in dieser Reihenfolge. Solange Frau Merkel, die Bundesbank und die deutsche Öffentlichkeit nicht ihre Sichtweise ändern, wird sich die Krise weiter verschärfen .

ZEIT ONLINE: Der Vorwurf, den der Harvard-Professor Niall Ferguson erhebt , geht noch weiter: Die Deutschen, so schreibt er, verdrängen die Bankenkrise und die Machtergreifung der Nazis 1933 und fürchten sich eher vor 1923, dem Jahr der Hyperinflation.

Eichengreen: Viele Wirtschaftshistoriker haben darauf schon früher hingewiesen, übrigens auch in Ihrem Land. Und es stimmt: Die Deutschen sollten sich an die verheerenden Auswirkungen der Arbeitslosigkeit in den dreißiger Jahren ebenso lebendig erinnern wie an die Inflation der zwanziger. Warum sie das nicht tun, ist mir ein großes Rätsel. Europa zahlt gerade für dieses Mysterium.

ZEIT ONLINE: Aber niemand in Europa fürchtet mehr einen Hitler oder Stalin, anders als in dreißiger Jahren. Da hinkt der Vergleich. Oder sehen Sie die Demokratie tatsächlich in Gefahr?

Eichengreen: Ich habe mein ganzes Leben lang nicht geglaubt, dass ernstzunehmende Leute darüber diskutieren, ob ein westliches Land noch einmal einen Militärputsch und einen Rückfall in die Diktatur erleben könnte. Die politische Polarisierung und Instabilität in Griechenland hat aber genau solche Gespräche hervorgebracht.

ZEIT ONLINE: Griechenland ist nicht Europa.

Eichengreen: Was mich tief beunruhigt ist der Aufstieg von Links- und Rechtsextremen , von Nationalisten und Anti-System-Parteien in Europa. Das sollte die Deutschen mit ihrer Erinnerung an die dreißiger Jahre mehr als andere besorgen. Das ist der wichtigste Grund, warum Europa endlich einen Strich unter seine ökonomische und finanzielle Krise ziehen muss.

ZEIT ONLINE: Die Deutschen wollen mehr Durchgriffsrechte auf die nationalen Haushalte, bevor sie die Finanzen stärker vergemeinschaften. Das kann fünf bis zehn Jahre dauern.

Eichengreen: Es wird Zeit brauchen, bis die Euro-Zone dorthin gelangt. In der Zwischenzeit brauchen wir Wachstum in Europa. Das Bankensystem muss wieder auf die Beine und in Gang kommen. Der Europäische Stabilitätsmechanismus sollte die Banken direkt mit Kapital stützen. Es bedeutet auch, dass man den südlichen Ländern mehr Zeit gibt, um ihre Sparziele zu erreichen. Und es heißt, dass die EZB das Wachstum stärker unterstützen muss.