Die nationalkonservative Fidesz-Regierung hat in den vergangenen zwei Jahren einiges unternommen, um das Problem zu mildern. Seit 2011 dürfen jährlich nur drei Prozent der Wohnungen zwangsversteigert werden – immerhin noch rund 4.000 Immobilien, deren Besitzer könnten bald auf der Straße stehen. Zugleich gab die Regierung den Schuldnern die Möglichkeit, ihren Kredit bis zum Februar dieses Jahres vorzeitig komplett zu tilgen – zu einem Wechselkurs von 180 Forint je Schweizer Franken. Ein günstiges Angebot: Der Marktpreis schwankte damals zwischen 240 bis 250 Forint. 170.000 Schuldner haben bisher von dem Gesetz profitiert. Allerdings hilft die Regel nur jenen, die die komplette Restsumme auf einen Schlag aufbringen konnten. Aus Ersparnissen, durch familiäre Unterstützung oder einen neuen Forint-Kredit. Schuldner wie Edit Gyarmati blieben außen vor. Ihr würde keine Bank einen weiteren Kredit bewilligen. Sie hat weder Rücklagen noch Verwandte mit Vermögen.

Profitieren könnte Gyamarti hingegen vom neuen "Wechselkurs-Damm". Der erlaubt es Devisenschuldnern, die Raten fünf Jahre lang zu einem künstlich niedrigen Wechselkurs von 180 Forint je Schweizer Franken zu zahlen. Die Differenz muss später beglichen werden, die zusätzlichen Zinskosten teilen sich Banken und Staat. Einer halben Million ungarischen Devisenschuldnern soll das helfen. Edit Gyarmati schwankt noch, ob sie sich darauf einlassen soll, bis Ende 2012 könnte sie es beantragen. "Die Maßnahmen der Regierung sind zwar nicht falsch", sagt ein ungarischer Finanzexperte, der seinen Namen nicht im Netz lesen möchte. "Viel wichtiger aber wäre es, einen geeigneten gesetzlichen Rahmen für Kreditvergaben zu schaffen."

In den Boomjahren war es den Banken etwa gesetzlich nicht verboten, Kreditverträge einseitig zu ändern. Die Verträge enthalten oft entsprechende Klauseln. Viele Kreditnehmer leiden heute nicht nur unter dem starken Kurs des Franken, sondern auch darunter, dass viele Banken Zinssätze und Bearbeitungsgebühren während der Laufzeit massiv erhöhten. Edit Gyarmati zahlte anfangs jährlich nur drei Prozent Zinsen, inzwischen ist es mehr als das Doppelte. Erst seit 2010 ist der Zinssatz der Devisenkredite an den europäischen Referenzzinssatz Euribor gekoppelt.

Allerdings ist nicht nur der Gesetzgeber schuld, sagen Kritiker. Betroffene berichten, dass sie die Kreditinstitute vor dem Vertragsabschluss nicht ausreichend über die Risiken eines Kredites in Schweizer Franken oder Euro aufgeklärt hätten. Die entsprechenden Passagen in den Verträgen seien für Laien unverständlich gewesen. Viele Banken hätten außerdem die Bonität ihrer Schuldner kaum geprüft oder den Wert der beliehenen Immobilie viel zu hoch angesetzt, sagt Gyula Barabás, Finanzexperte der Verbraucherschutzorganisation "Kreditverband Széchenyi".

Viele überschuldete Ungarn sehen keinen Ausweg mehr aus ihrer Lage. Anders als in Deutschland gibt es in Ungarn keine Privatinsolvenz und somit auch keine Möglichkeit für einen Neuanfang. Auch Edit Gyarmati fühlt sich am Rande ihrer Kräfte. "Ein Politiker hat gesagt, dass die Devisenschuldner doch in kleinere Wohnungen ziehen sollen. Aber ich wohne mit meiner Tochter schon in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Wo soll ich denn noch hingehen?" Wie viele andere Devisenschuldner will sie jetzt gegen ihre Bank klagen. Sie hofft, dass ein Gericht ihren Kreditvertrag für nichtig erklärt. Es wäre ein Präzedenzfall.