Chinas Wirtschaftswachstum ist mit 7,6 Prozent im zweiten Quartal auf den niedrigsten Stand seit drei Jahren gefallen. Der Rückgang der Nachfrage im kriselnden Europa , die Stagnation des Immobilienmarktes sowie ein langsamer Zuwachs des heimischen Konsums bremsen die zweitgrößte Wirtschaftsnation der Welt. Das Wachstum ist damit sechs Quartale in Folge zurückgegangen, wie das Statistikamt in Peking mitteilte.

Damit fällt auch Chinas Beitrag zur Stärkung der Weltkonjunktur geringer aus. Auch die deutsche Exportwirtschaft, die vom chinesischen Wachstum bislang profitiert, wird die Abkühlung in China zu spüren bekommen. Nach einem Wachstum von 9,2 Prozent im vergangenen Jahr wurden schon im ersten Quartal nur noch 8,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erreicht.

Allerdings hatten Analysten und Finanzmarkthändler bereits mit einem schwächeren chinesischen Wachstum gerechnet . In einer ersten Reaktion zeigten sich die Anleger sogar erleichtert, dass kein noch schärferer Abschwung droht. An der Tokioter Börse schloss der Nikkei-Index leicht im Plus, auch der deutsche Aktienindex Dax gewann am Morgen leicht hinzu.

China braucht hohe Wachstumsraten

Chinas Wachstumsrate erscheint zudem im Vergleich zu den krisengeschüttelten Industrienationen in Europa und den USA hoch, doch braucht China als Entwicklungsland ein vergleichsweise hohes Wachstum, um ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen und seine sozialen Probleme bewältigen zu können, wie auch Regierungschef Wen Jiabao diese Woche noch einmal betonte.

Deshalb unternimmt die chinesische Führung viel gegen eine allzu starke Konjunkturabkühlung. Wen sagte, dass höhere Investitionen notwendig seien, um das Wachstum zu stärken. Die Regierung will dafür unter anderem den Ausbau der Verkehrs- und Energienetze vorantreiben. Zudem hatte die Zentralbank die Zinsen gesenkt , um die Konjunktur zu stützen und lockerte seit November bereits drei Mal die Mindestreserveanforderungen für Banken, um die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher zu fördern.

Experten sind sich uneins, ob sich die Konjunktur weiter abschwächen könnte. Volkswirt Li Huiyong von Shenyin & Wanguo Securities geht davon aus, dass der Tiefpunkt erreicht ist: "Der gesunkene Binnenkonsum hat Chinas Wirtschaft geschwächt. Aber wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal die Talsohle erreicht hat." Die Zentralbank werde im zweiten Halbjahr wohl mit einer weiteren Zinssenkung und anderen Maßnahmen stützend eingreifen. Volkswirt Xianfang Ren von His Global Insight in Peking sieht das ähnlich. Er rechne damit, dass die chinesische Wirtschaft im dritten Quartal wieder an Fahrt gewinnt. Allerdings warnte er auch, sollte sich in den nächsten Monaten kein Aufwärtstrend abzeichnen, könnten die Firmen Mitarbeiter entlassen. Das werde den Arbeitsmarkt belasten.