Frankreich geht an diesem Freitag in den nahezu kollektiven Sommerurlaub und wappnet sich für einen heißen Herbst. Es braut sich etwas zusammen; das bezeugen nicht nur die "Mörder, Mörder"-Rufe aufgebrachter Mitarbeiter am Mittwoch vor der Konzernzentrale des Autoherstellers PSA Peugeot Citroën . Das Traditionsunternehmen hatte den Abbau von 8.000 Stellen und die Schließung seines Werks im Norden von Paris angekündigt. Drei Dutzend weitere Firmen arbeiten an Sozialplänen, und es könnten noch mehr werden.

Mit einem Plan Automobile versucht die seit Mai amtierende sozialistische Regierung die Situation in einem Sektor zu entschärfen , der rund 600.000 Mitarbeiter zählt – zehn Prozent der französischen Beschäftigten. Das jakobinische Ideal aus den Tagen der Revolution, wonach der Staat für das Wohl seiner Bürger verantwortlich ist, sehen Frankreichs Politiker – gleich welcher Couleur – noch immer als Verpflichtung, sich in die Privatwirtschaft einzumischen.

Ausgestattet mit einer absoluten Mehrheit in beiden Häusern des Parlaments stehen die Sozialisten aber unter dem besonderen Erwartungsdruck, Lösungen zu präsentieren. Dies umso mehr, als sie mit der Schaffung von Arbeitsplätzen Wahlkampf machten , die Nachrichten vom Arbeitsmarkt aber desaströs sind: Die Erwerbslosenquote stieg im Juni zum 14. Mal in Folge und ist nun so hoch wie zuletzt 1999.

Vier Millionen suchen Arbeit

Wie das Arbeitsministerium am Mittwoch mitteilte, waren Ende Juni 2.945.800 Menschen ohne Job. Wenn man diejenigen hinzuzählt, die nur Teilzeit arbeiten, aber lieber Vollzeit arbeiten würden, waren sogar knapp 4,4 Millionen Menschen auf der Suche. Und der Unternehmerverband Club des entrepreneurs warnt bereits, dass die Sparmaßnahmen bei PSA Peugeot Citroen insgesamt 25.000 Arbeitsplätze vor allem bei kleinen und mittelständischen Zulieferbetrieben in Mitleidenschaft ziehen würden.

Deshalb wettert Präsident Francois Holland e, die PSA-Pläne seien "inakzeptabel" und müssten "neu verhandelt werden". Und sein Reindustrialisierungsminister Arnaud Montebourg spricht blumig vom Stolz der Autoindustrie für das Vaterland. Ob die sofortige finanzielle Förderung von 7.000 Euro für in Frankreich gefertigte Elektro- und 4.000 Euro für Hybridautos sowie die für nächstes Jahr angekündigten Strafzahlungen für schadstoffintensive Fahrzeuge die Krise der französischen Autoindustrie beenden wird, muss allerdings bezweifelt werden .

Prämie "gut fürs Weltklima"

"Im Prinzip ist es eine löbliche Idee – gut vor allem fürs Weltklima", sagt Ulrich Hege, Professor an der Wirtschaftshochschule HEC Paris. "Nur gibt es im Moment nicht viele Hybrid- und Elektroautos im Markt, auch nicht von den französischen Herstellern, und diese sind so teuer, dass sie für den typischen Käufer, der auf die Prämie achtet, immer noch nicht interessant sind."

Die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der Autoindustrie sowie der französischen Wirtschaft insgesamt wird dadurch jedenfalls nicht behoben. In Frankreich stiegen die Lohnstückkosten seit Beginn der Währungsunion um 28 Prozent. In Deutschland waren es sieben Prozent. Eine Arbeitsstunde in der französischen Privatwirtschaft kostete 2011 durchschnittlich 34,20 Euro. In Deutschland waren es 4,10 Euro weniger. Zudem ist der französische Kündigungsschutz der Industrieländerorganisation OECD zufolge der viertstärkste im Euro-Raum. Und die Körperschaftssteuer belastet die Unternehmen mit 33,3 Prozent mehr als doppelt so stark wie in Deutschland.

 Regierungsbeamte setzen Unternehmen unter Druck

Bei PSA erschwerend hinzukommen "natürlich viele hausgemachte Fehler", wie Hege sagt. "PSA hat zu lange strategische Allianzen vermieden, hat zu lange an der teuren Produktion in Frankreich festgehalten. Aus französischer Sicht es schwer, das der Familie Peugeot vorzuwerfen, aber viele ihrer Autos sind zu teuer geworden." Die Familie hält 25 Prozent der Aktien des Autobauers und hatte sich noch voriges Jahr satte Dividenden genehmigt. Jetzt steht für das erste Halbjahr 2012 ein Verlust von 819 Millionen Euro unter dem Strich. Galten Frankreichs Kleinwagenbauer 2008 noch als die Gewinner, hat sie die Wirtschaftskrise in ihren südeuropäischen Hauptmärkten nun zu Verlierern gemacht.

Allgemein sind die französische Industrieproduktion, die Bauwirtschaft und die Dienstleistungsunternehmen noch immer weit von dem Niveau vor der Wirtschaftskrise von 2008 entfernt. Lediglich die Landwirtschaft hat wieder aufgeholt. Laut dem französischen Statistikamt Insee brach die Industrieproduktion im Mai um 1,9 Prozent ein. Im Vergleich zum Jahr 2000 arbeiten heute 20 Prozent weniger Menschen in Industriebetrieben. Die Zahl der Insolvenzen könnte dieses Jahr den bisherigen Rekord von von 65.900 im Jahr 2009 übertreffen. Ende April zählte die französische Zentralbank bereits 59.854.

Reindustrialisierungsminister in der Realität

Reindustrialisierungsminister Montebourg, ein Globalisierungsgegner und heftiger Kritiker der Euro-Politik von Kanzlerin Angela Merkel , lernt nun die realen Zwänge kennen und versucht sich als Feuerwehrmann an zahlreichen Brandherden in den unterschiedlichsten Wirtschaftsbranchen. Im Wahlkampf hatten die Firmen die schlechten Nachrichten zurückgehalten, im Anschluss drängten sie mit Macht in die Öffentlichkeit: Die Pleite des Geflügel-Großhändlers Doux, angekündigte Stellenstreichungen bei der Fluggesellschaft AirFrance/KLM, der Supermarktkette Carrefour , den Telekommunikationsunternehmen SFR und Bouygues und der Bahngesellschaft SNCF sind nur einige Beispiele.

Montebourg hat einen Stab von 22 Kommissaren in den Regionen, die vor Ort mit den Führungen, den Aktionären, den Banken, den Gewerkschaften und den Kunden der betroffenen Unternehmen verhandeln sollen. "Sie müssen anrufen, persönlich vorstellig werden, diskutieren, die Lösungsmöglichkeiten ausloten" lautet die Vorgabe aus "Bercy", wie in Frankreich das Wirtschafts- und Finanzministerium im gleichnamigen Pariser Stadtteil genannt wird. "Wenn aber eine der beteiligten Parteien nicht mitspielt bei der Erhaltung der Arbeitsplätze, dann müssen Sie in Bercy anrufen, damit wir Ihnen beim Armdrücken mit demjenigen helfen, der die Erhaltung eines Unternehmens in Gefahr bringt."

Ob die Methode wirkt, werden die nächsten Wochen erweisen. Auch Montebourgs politische Zukunft hängt vom Erfolg oder Misserfolg ab. Der ehemalige Anwalt, der bei den Vorwahlen der Sozialisten über den Kandidaten für die Präsidentschaftswahl immerhin auf Platz drei kam, hat nicht nur Freunde innerhalb der Partei. Einige Genossen rieben sich sogar die Hände, als Montebourg dem Ministerjob annahm, den sie eine "mission impossible" nennen. Sein Scheitern würde ihn wohl zumindest für einige Zeit aus dem politischen Rampenlicht entfernen.