ZEIT ONLINE: Herr Burtynsky, benutzen Sie eigentlich Tupperware?

Edward Burtynsky: Bestimmt.

ZEIT ONLINE: Dann geht es Ihnen ja wie den meisten von uns: Wir verwenden Plastikdosen und Kleidungsstücke, ohne darüber nachzudenken, dass sie Öl enthalten – einen Rohstoff, mit dem wir doch eigentlich sparsam umgehen wollen.

Burtynsky: Es ist schlicht unmöglich, sich vom Strom der Produkte und damit vom Erdöl unabhängig zu machen. Selbst unser Essen enthält in gewisser Weise Öl, wegen der Düngemittel und der Lastwagen, die Lebensmittel durchs Land fahren. Die einzige Chance, ohne Erdöl zu leben, ist in der Wildnis nach Hasen zu jagen und Fische zu fangen.

ZEIT ONLINE: Sie fotografieren seit mehr als zehn Jahren die Förderung von Öl und die Umweltschäden, die dadurch entstehen. Warum wissen wir so wenig darüber?

Burtynsky: Weil die meisten von uns in ihrer vertrauten Welt leben, zwischen Arbeit und Wohnung. Wir müssen uns die Frage nicht stellen, wo die Dinge herkommen, die uns umgeben. Bevor ich anfing, die Ölförderung zu fotografieren, ging es mir ja genauso.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie damals auf das Thema?

Burtynsky: Ich war 1995 mit dem Auto unterwegs, um Kohleminen zu fotografieren. Auf der Strecke ging mir das Benzin aus. Ich saß im Wagen und bemerkte, dass die Straße gerade neu asphaltiert worden war. Dann sah ich auf mein Armaturenbrett aus Kunststoff, auf meine Kleidung mit Synthetikfasern – alles, was mich in diesem Moment umgab, war zum Teil aus Öl gemacht. Also beschloss ich, die Landschaften zu erkunden, in denen Erdöl gefördert wird und die Herstellungsprozesse zu fotografieren: in den Raffinerien, in der Konsum- und Motorkultur und schließlich auf Schrottplätzen.

ZEIT ONLINE: Was war in dieser Zeit Ihre größte Erkenntnis?

Burtynsky: Dass alles, was das Wachstum der Bevölkerung und Wirtschaft in den vergangenen Jahren angetrieben hat, auf dieser scheinbar unerschöpflichen und billigen Energieform beruht. Als ich in den fünfziger Jahren geboren wurde, gab es 2,4 Milliarden Menschen auf der Welt. Mittlerweile sind es mehr als sieben Milliarden . Dazwischen lag keine grüne Revolution , wie viele denken, sondern die Ölrevolution: Die Mechanisierung der Landwirtschaft, der Einsatz von Düngemittel hat es der Menschheit ermöglicht, so schnell zu wachsen. Der Preis ist eine ungeheure Zerstörung.

ZEIT ONLINE: Welches Bild der Zerstörung hat Sie besonders beeindruckt?

Burtynsky: Was ich in Bangladesch gesehen habe, werde ich nie vergessen. Dort zerlegen Menschen für einen Dollar am Tag die völlig verseuchten Öltanker aus der Ersten Welt. Viele erblinden durch die Gifte nach einigen Jahren, keiner wird älter als 40. Ich fühlte mich zurückversetzt in die Zeit der Industrialisierung und musste an die Beschreibungen Charles Dickens’ in Hard Times denken. Ich hätte niemals gedacht, dass Menschen auf der Welt so arbeiten.