Wie können wir unseren reichsten Mitbürgern ein gerechtes Maß an Steuern abverlangen? Scheinbar diskutieren wir diese Frage seit Jahren – man denke nur an den endlosen Streit über den Ankauf von "Steuersünder-CDs". Tatsächlich aber haben wir ob unserer Aufregung über geheime Nummernkonten ein genauso großes Problem aus den Augen verloren: die ganz legale Steuerflucht.

Denn wenn wohlhabende Deutsche wirklich darauf erpicht sind, Steuern zu sparen, dann müssen sie gar nicht erst das Gesetz brechen. Sie können schlicht in ein Billigsteuerland ziehen, und sich dann hochoffiziell vom deutschen Fiskus verabschieden. Der Grund ist einfach. Ob jemand in Deutschland steuerpflichtig ist, hängt im Regelfall nicht von seiner Staatsbürgerschaft ab, sondern von seinem gewöhnlichen Aufenthalts- und Wohnort.

Inländische Einkünfte müssen zwar auf jeden Fall hierzulande versteuert werden – viele Senioren, die außerhalb der EU leben, zahlen auf ihre bescheidenen deutschen Renten deshalb beträchtliche Steuern. Aber deutsche Multimillionäre, die ihr Vermögen "steuereffizient" in aller Welt investieren und sich außerdem damit abfinden können, 183 Tage im Jahr an einem Luxusstrand in der Karibik zu liegen, zahlen in Deutschland nicht einen Cent. Abermillionen Euro gehen dem Bundeshaushalt auf diese Weise jedes Jahr verloren.

Dass es recht einfach wäre, dieser legalen Steuerflucht ein Ende zu bereiten, zeigt das Beispiel der Vereinigten Staaten. Als einziges Land der Welt verlangen die USA , dass alle Staatsbürger in ihrem Heimatland in vollem Umfang Steuern zahlen – wo auch immer in der Welt sie wohnen mögen. Anders als ihre deutschen Standesgenossen haben amerikanische Multimillionäre von einem Umzug in die Karibik deshalb keine steuerlichen Vorteile zu erwarten.

Wenn wir es also ernst damit meinen, Deutschlands Superreichen einen fairen Beitrag zu unserer Solidargemeinschaft abzuverlangen, dann gibt es eine erstaunlich einfache Lösung. Wir müssten nur dem amerikanischen Beispiel folgen und unsere Staatsbürger unabhängig von ihrem Wohnort hier in Deutschland für voll steuerpflichtig erklären.

Die Vorteile einer solchen Reform liegen auf der Hand. Nicht nur könnten wir das gewonnene Mehraufkommen an Steuern in der Krise dringend gebrauchen. Auch vom Blickpunkt der Gerechtigkeit her ergibt es Sinn, unseren wohlhabendsten Mitbürgern selbst dann noch einen Beitrag zum Gemeinwohl abzuverlangen, wenn sie in ein Steuerparadies verzogen sind. Denn ihren Erfolg haben die meisten von ihnen nicht nur ihrer eigenen Energie und Intelligenz zu verdanken – sondern eben auch gemeinschaftlich finanzierten Ressourcen. Die meisten Superreichen haben schließlich eine von allen deutschen Steuerzahlern finanzierte Erziehung genossen, auf eine von allen deutschen Steuerzahlern finanzierte Infrastruktur zugegriffen, und vielleicht sogar von allen deutschen Steuerzahlern finanzierte Wirtschaftssubventionen erhalten. Es ist also kaum ungerecht, wenn wir ihnen einen Beitrag zur Weiterfinanzierung dieser Errungenschaften abverlangen, selbst dann, wenn sie diese nicht mehr nötig haben.