Wenn der Internationale Weltwährungsfonds ( IWF ) oder die Weltbank in ein Land kommen, wird die Krise häufig noch schlimmer. Das ist die Quintessenz einer neuen Studie , in der die Wirtschaftswissenschaftler Axel Dreher ( Universität Heidelberg ) und Martin Gassebner (Eidgenössische Technische Hochschule Zürich) vergangene Rettungseinsätze der beiden Finanzinstitutionen untersuchten. Ihre Ergebnisse lassen sich auch auf die Euro-Krisenländer übertragen.

Verantwortlich für die sozialen Verwerfungen seien in erster Linie nicht die zuweilen harschen Sparauflagen der Geldgeber, sagt Gassebner, sondern die Eliten in den Krisenländer. Sie zögerten nötige Reformen zu lange hinaus und verschlimmerten so die Lage. Werde dann unter dem Druck des IWF und der Weltbank endlich gehandelt, kürzten die Eliten zuallererst die Einkommen der Bevölkerungsschichten, die sich am wenigsten wehren könnten. In den südeuropäischen Krisenländern, vor allem in Griechenland , sei genau das zu beobachten.

Dabei müssten die Geldgeber in den Verhandlungen um Hilfe hart bleiben, egal ob es sich um EU , IWF oder Weltbank handle, sagt der Ökonom. Auch die Troika könne im Falle Griechenlands gar nicht anders. "Die Krisenländer müssen sparen. Sobald aber die griechische Regierung glaubt, dass die Hilfsgelder ohnehin fließen, wird sie zu wenig tun." So gesehen könnte die Drohung der deutschen Regierung, Griechenland keine weiteren Hilfen mehr zu gewähren, auch Verhandlungstaktik sein. " Angela Merkel muss glaubhaft machen, dass es kein Geld mehr gibt, falls Griechenland die Reformen nicht oder zu langsam umsetzt."

Reformen verzögern für die Wiederwahl

Dennoch handeln die einheimischen Regierungen aus ihrer Sicht zunächst sinnvoll, wenn sie Reformen verzögern. Gerade in Demokratien sei das häufig der Fall, erklärt Gassebner. "Die Politiker wollen schließlich wiedergewählt werden. Und sie stoßen auch in den eigenen Reihen auf Widerstand." So packen die Verantwortlichen die Dinge erst an, wenn sie die Misere des Staatshaushalts nicht mehr ohne Hilfe überbrücken können und sich den Auflagen der Retter beugen müssen. Je später das geschehe, desto härter werde es für die Bürger.

Zum Beispiel in Griechenland. Das reformiert werden müsse, sei unbestreitbar, sagt Gassebner. "Zu viele wohlhabende Griechen geben in ihrer Steuererklärung viel zu geringe Einkommen an – und kommen damit durch, trotz der hohen Staatsverschuldung. Oder nehmen Sie die Tatsache, dass Patienten Ärzte bestechen müssen , um behandelt zu werden. Solche Strukturen kann man nur durch einen massiven politischen Schock ändern. Wenn überhaupt."

Die Regierung hat vor allem Gehälter, Löhne und Renten gekürzt, um die Staatsverschuldung zu senken. Steuersünder werden nachdrücklicher verfolgt; bislang allerdings mit begrenzter Wirkung. Der Arbeitsmarkt wurde dereguliert. Die sozialen Kosten dieser Reformpolitik sind hoch : Die Wirtschaft schrumpft, die Arbeitslosigkeit steigt, die Zahl der Selbstmorde ebenso.

Auch in Ländern, die in der Vergangenheit unter der Kuratel von Weltbank und IWF standen, stieg die Ungleichheit zumeist, und die Armut wurde nicht geringer. In der aktuellen Krise wird der Troika – und vor allem der deutschen Regierung – vorgeworfen, dass ihr Sparkurs die südeuropäischen Länder in eine Rezession stürze und so die Misere noch verschlimmere.

Doch auch, wenn gespart werden müsse: "Die Einschnitte ins Sozialbudget müssten nicht unbedingt so tief ausfallen", sagt der Ökonom. Er kritisiert beispielsweise den umfangreichen Militärhaushalt der Griechen. "Wenn man den Anteil der Militärausgaben am Gesamthaushalt nur auf EU-Durchschnitt senken würde, würde dadurch einiges an Geld für Bildung und Soziales frei", sagt er. "Aber das Militär ist ein wichtiger politischer Akteur. Ihm den Geldhahn zuzudrehen, ist riskanter für eine Regierung, als allen Bürgern gleichermaßen ein bisschen wegzunehmen."