Die europäische Krise dauert nun schon zweieinhalb Jahre. In dieser Zeit gab es zahlreiche, vielversprechende Initiativen, die alles ändern sollten, sich aber schließlich als ineffektiv erwiesen. Eine ist der Rettungsfonds EFSF, eine andere der Schuldenschnitt für Griechenland. Der jüngste Vorstoß fand Anfang August in London statt, als EZB-Chef Mario Draghi ankündigte, alles zu tun, um die gemeinsame Währung zu erhalten. Diese Strategie der nuklearen Abschreckung hat einige der Risiken gemindert, aber letztlich nichts daran geändert, dass die Krisenländer die entscheidenden Schritte gehen müssen, um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen.

Wer den Strom an öffentlichen Wortmeldungen europäischer Politiker verstehen will, sollte eines im Hinterkopf haben: Die Deutschen sagen, was getan werden könnte, während der Rest Europas nur über das sprechen kann, was wünschenswert wäre. Die Aussagen von Politikern wie François Hollande, Mario Monti oder Mariano Rajoy spiegeln nichts weiter als ihre Wünsche wider. Am Ende wird es Berlin sein, das entscheidet, was getan werden kann und was nicht. An diesem Machtgleichgewicht ändert auch die jüngste Ankündigung der EZB nichts. Gleichzeitig ist diese Konstellation der Grund dafür, dass die europäischen Regierungschefs dazu neigen, viel zu versprechen und wenig davon zu halten.

Es ist wichtig, dass Investoren die deutsche Denkweise begreifen und schätzen. Aus verschiedenen Gründen.

Erstens ist die Euro-Rettung geprägt durch das gegenseitige Misstrauen der Staaten, das sogenannte morald-hazard-Problem. Wenn jeder sicher sein könnte, dass die betroffenen Staaten unerbittlich und entschlossen die strukturellen Reformen und ihre Sparprogramme durchziehen, wäre die Politik weiter als heute. Das Misstrauen ist auch der Grund dafür, dass die EZB nur dann Anleihen aufkauft, wenn der Rettungsfonds EFSF beteiligt ist und die Krisenländer formal Hilfen beantragen und ein Memorandum of Understanding (MoU) unterzeichnen. Dabei handelt es sich um eine kleinere Version eines Programms des Internationalen Währungsfonds (IWF), bei dem sich der Staat bestimmten Regeln unterwirft. Spaniens Regierung etwa zögert nur deshalb, internationale Hilfe zu beantragen, weil sie im Gegenzug zu den Hilfsmilliarden keine strengeren Konditionen auferlegt bekommen möchte.

Zweitens existieren derzeit zwei verschiedene zeitliche Perspektiven. Die erste ist die sogenannte ex-post-Betrachtung, bei der es darum geht, wie die aktuelle Krise gelöst werden kann. Die ex-ante-Perspektive hingegen wirft die Frage auf, wie wir in Zukunft verhindern können, dass wir nicht in eine neue Krise geraten. Die Deutschen haben – anders als andere Mitgliedsstaaten – stärker die ex-ante-Perspektive im Auge, während die Südstaaten, auch Frankreich, dafür plädieren, alle finanziellen, politischen und wirtschaftlichen Feuer sofort zu löschen – selbst, wenn das langfristig negative Nebenwirkungen hat. Die Deutschen hingegen wollen nicht jetzt ein Feuer löschen, wenn sich dadurch die Wahrscheinlichkeit künftiger Feuer erhöht. Das ist auch der Grund, warum man in Berlin so eisern an den strengen Konditionen für die Rettungspakete festhält. Die verschiedenen Perspektiven zeigen sich auch bei der Debatte um die Aktionen der EZB: Sollte die Zentralbank höhere Inflationsrisiken eingehen – ja oder nein? Berlin sagt nein, Paris, Rom und Madrid sehen das anders.

Drittens gilt: Wo keine Schmerzen, da auch kein Gewinn. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Produktivität innerhalb der Währungsunion sehr unterschiedlich entwickelt. Noch größere Unterschiede zeigten sich zwischen EU- und nicht EU-Staaten. In den vergangenen zehn Jahren wuchs die sogenannte Faktorproduktivität in Deutschland um fünf Prozent, während sie in Griechenland und Spanien unter dem Strich um mehr als 15 Prozent sank. Mit anderen Worten: Spanien und Griechenland haben seit ihrem Beitritt in die Währungsunion ihre Produktivität nicht einfach nur nicht gesteigert. Die Länder haben sogar zugelassen, dass die Wirtschaft unproduktiver wurde. Die Lücke zwischen Deutschland und diesen Ländern ist dabei um rund 20 Prozent gewachsen.

Bislang wird dabei zu viel Augenmerk auf die Unterschiede im Euro-Raum gelegt. Am Ende des Tages konkurrieren die Mitgliedsstaaten jedoch nicht nur mit Deutschland sondern auch mit dem Rest der Welt. China hat seine Produktivität in den vergangenen zehn Jahren um 45 Prozent gesteigert, Taiwan und Korea verbesserten ihre Produktivität um immerhin 25 Prozent. Diese Lücken lassen sich nicht schließen, indem die EZB neues Geld druckt. Das ist die deutsche Denkweise, die in den Südstaaten auf wenig Gegenliebe trifft. Die Deutschen zerbrechen sich den Kopf, warum Irland und Portugal es schafften, die Reformen durchzusetzen, während Griechenland, Spanien und Italien sich lautstark dagegen wehren. Für die Deutschen ist es deshalb logisch, dass die Bondmärkte die Iren und Portugiesen mit steigenden Kursen belohnen, während sie die anderen mit fallenden Kursen bestrafen. Aus Sicht der deutschen Politik ist der Bondmarkt rational und fair, während die Südstaaten ihn für irrational und überholt halten.