Seit Tagen wurde spekuliert , nun hat sich Mario Draghi geäußert. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist bereit, den Krisenstaaten unter die Arme zu greifen. Details wollte Draghi noch nicht bekannt geben, doch wahrscheinlich wird es so laufen: Wenn sich die Krise verschärft, interveniert die Notenbank gemeinsam mit den Rettungsfonds EFSF und ESM und drückt durch Anleihekäufe das Zinsniveau nach unten. Die Fonds sorgen dafür, dass die Reformauflagen eingehalten werden, die Zentralbank liefert das Geld.

Die konzertierte Aktion soll das Defizit der bisherigen Rettungsarchitektur beheben. Es besteht darin, dass die Zentralbank zwar unendlich viel Geld hat, aber keine Auflagen durchsetzen kann – während die Rettungsfonds Auflagen durchsetzen können, aber über nicht genug Mittel verfügen.

Die Finanzmärkte reagierten zunächst enttäuscht, weil sie mehr erwarteten, aber das tun Märkte immer. Die Parallelaktion kann einen entscheidenden Beitrag zur Lösung der Krise leisten, wenn sowohl die Politik als auch die Zentralbank entschlossen genug vorgehen.

Natürlich ist das riskant. Wenn irgendwo ein Topf mit Geld herumsteht, ist die Versuchung groß, sich daraus einfach zu bedienen und es mit den Reformen doch nicht so genau zu nehmen. Und natürlich tragen am Ende die Steuerzahler das Risiko. Wenn die Rettung misslingt, müssen sie die Löcher in den Bilanzen der EZB füllen.

Die Frage ist aber, wie die Alternative aussähe. Es scheint unmöglich, auf politischem Wege kurzfristig die Mittel aufzubringen, die für die Stabilisierung der Währungsunion nötig wären. Die Finanzmärkte ignorieren die Reformfortschritte in den einzelnen Mitgliedsländern beharrlich. Über kurz oder lang dürfte das zum Zusammenbruch der Euro-Zone führen, weil die hohen Zinsen die wirtschaftliche Erholung im Süden behindern. Und ein solcher Zusammenbruch wäre für die Deutschen richtig teuer.

Deshalb ist der Eingriff der Zentralbank legitim – wenn er nicht dazu führt, dass sich die Politik zurücklehnt. Durch die explizite Kopplung des Anleiheprogramms an weitere Wirtschaftsreformen wird diese Gefahr verringert. Ganz ausschließen lässt sie sich nicht.

Die Entscheidung wurde von allen Mitgliedern im Zentralbankrat gestützt – bis auf Bundesbankpräsident Jens Weidmann . Es wäre leichter, die Finanzmärkte zu beeindrucken, wenn die EZB geschlossen auftreten würde. Das aber kann kein Argument sein, Jens Weidmann das Recht abzusprechen, seine Position im Rat zu vertreten.

Niemand weiß, wie die Sache am Ende ausgeht und es gibt unterschiedliche Einschätzungen über den richtigen Weg aus der Krise. Sie lassen sich alle begründen. Europa kann und muss diesen Pluralismus aushalten, und die Märkte werden damit leben lernen.

Entscheidend wird sein, dass im Notenbankrat trotz der Meinungsverschiedenheiten der Geist der Zusammenarbeit aufrechterhalten wird und die Beteiligten auf Triumphgeheul oder beleidigte Reaktionen verzichten. Sonst hat nicht nur die EZB ein Problem.