ZEIT ONLINE: Frau Tian, erzählen Sie uns von Ihrem Heimatdorf.

Tian Taiwang: Ich komme aus den Bergen von Hubei, das Dorf heißt Tianheping. Ich habe dort Näherin gelernt, mit 17 hatte ich mein eigenes kleines Geschäft. Bei einem Frühlingsfest kam eine ehemalige Kollegin zurück ins Dorf, sie lebte mittlerweile in Peking . Da dachte ich mir: Das probier' ich auch mal aus. Mit 21 bin ich nach Peking gegangen .

ZEIT ONLINE: Wie war Ihr erster Eindruck?

Tian: Na ja, nicht so berauschend. Peking war vor 20 Jahren noch nicht so entwickelt, viele Häuser waren einstöckig. Da waren ja selbst die in meinem Heimatort noch höher! Aber für's Geschäftemachen bot Peking natürlich mehr Möglichkeiten. Und ich hatte eine ganze Menge zu lernen ...

ZEIT ONLINE: Was denn zum Beispiel?

Tian: Anfangs arbeitete ich in einer Fabrik, in der gab es ein Radio. So was kannte ich aus meinem Dorf nicht. Eines Tages bat mich eine Kollegin, es anzuschalten. Ich wusste aber nicht, wie das geht! Ich dachte mir, wenn ich denen das jetzt sage, dann lachen die mich tagelang aus. Also tat ich so, als ob ich wütend wäre. "Was, den Krach willst du hören?" Die Kollegin hat es dann selbst angeschaltet, und ich habe genau zugesehen. Ein anderes Mal, da hat mich eine Freundin aus Shijiazhuang angerufen. Telefon hatten wir in meinem Dorf auch nicht. Shijiazhuang, dachte ich, das ist ja schön weit, jetzt musst du ganz laut ins Telefon schreien. Die Leute um mich rum haben vielleicht geschaut! (lacht) Solche Geschichten erzähle ich immer meinen Angestellten.

ZEIT ONLINE: Wollten Sie schon immer Chefin werden?

Tian: Ja, schon damals in der Fabrik. Die Arbeit war so hart und bitter, und der Chef schimpfte oft, ich dachte, dagegen muss es doch leicht sein, selbst eine Fabrik aufzumachen.

ZEIT ONLINE: Wie waren die Bedingungen in der Fabrik?

Tian: Ich arbeitete 18 Stunden, danach durfte ich mich 6 Stunden ausruhen, und dann ging’s wieder weiter. Ein Bett hatte ich nicht, ich schlief einfach dort, wo ich arbeitete. Im Monat verdiente ich 300 Yuan (damals etwa 32 Euro). Zweieinhalb Jahre lang habe ich dort gearbeitet, dann habe ich mich selbstständig gemacht.

ZEIT ONLINE:   Woher wussten Sie, wie man das macht? Die Unternehmensführung, die Finanzen?

Tian: Ach, das kam ganz natürlich.

ZEIT ONLINE:  Woher hatten Sie das Geld für die Investition?

Tian: Ich habe 280 Yuan gespart, mir ein bisschen was geliehen, das war mein Investitionskapital. Ich begann 1999 mit sechs Angestellten, wir fertigten Alltagskleidung, nichts Schickes, keine internationalen Marken, ganz normale Sachen, viel Exportgeschäft. Auf der Höhe des Geschäfts, 2006/2007, hatte ich 200 Angestellte. 2009 habe ich alles verkauft.

ZEIT ONLINE: Warum das?

Tian: Ich wollte meinen Mann loswerden. Auch er stammt aus meinem Heimatdorf, er war früher Soldat. Und er ist entsetzlich faul. Wissen Sie, wenn er einfach ab und zu ausgehen, trinken und spielen würde, dagegen würde ich ja nichts sagen. Aber diese Faulheit! Nie wollte er einfach nur ein bisschen Geld verdienen, es mussten immer gleich große Investitionen sein, aber dafür hatten wir nun mal kein Geld. Eine Freundin von mir hat einen Italiener geheiratet, da wollte ich auch nach Italien auswandern. Ich habe aber kein Visum bekommen. Also habe ich wieder eine neue Fabrik aufgemacht. Für Comicspielzeug.

ZEIT ONLINE:  Ihr Lebensweg ist schon ungewöhnlich.

Tian: Ja, das würde ich auch sagen. Was ich ausgehalten habe, würden viele Männer nicht aushalten. Wissen Sie, das Geschäft ging mal rauf und mal runter, ich habe auch viel Geld verloren.

ZEIT ONLINE:  Ja, und doch: Sie haben es weit gebracht. Was ist denn Ihr Geheimnis?

Tian: Wenn ich etwas tue, dann versuche ich einfach, es so gut wie möglich zu machen. Dann bereue ich auch nichts. Nur eines: diesen Mann geheiratet zu haben.

ZEIT ONLINE: Haben Sie einen Traum?

Tian: Ich habe gerade eine internationale Firma registrieren lassen, für Comics. Alles selber entworfen. Dass die Firma Erfolg hat, dass meine Produkte auf den Markt kommen und bekannt werden, das ist mein Traum für dieses Jahr. Und dann würde ich gerne ein Auto kaufen und damit in mein Heimatdorf fahren.

ZEIT ONLINE: Gibt es so etwas wie einen chinesischen Traum?

Tian: Mmh, ich weiß nicht. Geschäfte machen vielleicht?

ZEIT ONLINE:  Ist denn der chinesische Traum irgendwie anders als der amerikanische Traum?

Tian: Damit kenne ich mich, ehrlich gesagt, nicht so aus. Ich habe nicht viel Kontakt zu Amerikanern.