Frage: Professor Burda, die Mitglieder des Vereins für Socialpolitik haben mit Zweidrittelmehrheit einen neuen Ethikkodex für Ökonomen beschlossen. Was wollen Sie damit erreichen?

Michael Burda: Als eine der weltweit größten Standesorganisationen für Ökonomen können wir vor dem Reputationsverlust unserer Zunft nicht die Augen verschließen. Der neue Kodex sieht vor, dass Ökonomen in ihren Arbeiten alle Sachverhalte auflisten müssen, die potenziell zu Interessenkonflikten oder Befangenheit führen könnten. Ein ganz wichtiger Satz lautet: "Das Ergebnis der Analyse soll von der Interessenlage des Auftraggebers unbeeinflusst sein."

Frage: Mit Verlaub: Das klingt naiv.

Burda: Wieso? Damit schaffen wir eine soziale Norm und ein Leitbild für unsere Arbeit. Wir wissen, dass es in der Vergangenheit gravierende Verstöße gegen Transparenz und wissenschaftliche Unabhängigkeit gab. Da sind streckenweise peinliche Dinge passiert.

Frage: Sie meinen den Fall des US-Ökonomen Frederic Mishkin, der vor der Finanzkrise in einer Studie den Finanzplatz Island lobte – und dafür 124.000 Dollar von der isländischen Handelskammer erhielt.

Burda: Wenn ein Wissenschaftler schlampig und nicht ergebnisoffen für Geld arbeitet, ist das unethisch, weil es gegen die Prinzipien von Objektivität und Unabhängigkeit verstößt. Wichtig ist Transparenz: Dass etwa der US-Ökonom Martin Feldstein im Aufsichtsrat des Konzerns AIG sitzt, sollte man wissen, wenn man seine – oft brillanten – wissenschaftlichen Arbeiten liest.

Frage: Wie groß darf die Nähe der Wissenschaft zur Wirtschaft sein? Ist es gut, wenn Ökonomen in Konzernen einen Aufsichtsratssitz übernehmen?

Burda: Das ist nicht verwerflich. Viele Ökonomen sind hoch spezialisiert; Unternehmen und die gesamte Volkswirtschaft können von ihrer Expertise profitieren. Vorhandenes Wissen nicht wirtschaftlich zu nutzen wäre Verschwendung von Humankapital! Nur muss der Wissenschaftler seine Funktion im Unternehmen offen kommunizieren. Gleiches gilt für Studien, die von Unternehmen oder Parteien bezahlt werden. Die Öffentlichkeit sollte wissen, von wem und wofür ein Ökonom Geld bekommt, damit der Vorwurf einer interessengeleiteten Forschung gar nicht erst entsteht.

Frage: Wie verbreitet sind in der Ökonomie sogenannte Eigenplagiate, bei denen Volkswirte ihre alten Studien recyclen?

Burda: Das lässt sich nicht quantifizieren. Fakt ist: Es gibt sie, und wir wollen dagegen ein klares Signal setzen. Hier geht es darum, wie man miteinander umgeht. Wenn ein älterer Kollege ein Forschungsergebnis fünfmal abgewandelt in fünf Fachzeitschriften publiziert, reduziert er die Chancen jüngerer Kollegen auf eine prestigeträchtige Veröffentlichung. Das ist eine höchst ethische Frage.

Frage: Planen Sie Sanktionen bei Verstößen gegen den Kodex?

Burda: Wir sind kein Gesetzgeber und kein Gericht. Wir werden einen Ombudsmann einsetzen, der den Wissenschaftsbetrieb kennt, und eine Ethikkommission berufen, die bei gravierenden Verstößen gegen den neuen Kodex aktiv wird. Am Ende einer solchen Untersuchung kann eine Rüge oder gar der Vereinsausschluss stehen.

Frage: Wollen Sie die Verfahren öffentlich machen?

Burda: Nein. Aber die Konsequenzen schon.

Frage: Was ist mit dem umgekehrten Fall – wenn etwa ein Ökonom ein Gutachten für ein Ministerium verfasst, das Ergebnisse danach unter Verschluss hält?

Burda: Wenn ein Auftraggeber vorab eine Präferenz für ein bestimmtes Ergebnis äußerst, wird es heikel. Dafür sollten sich Wissenschaftler nicht hergeben. Ich bin dafür, dass wissenschaftliche Ergebnisse veröffentlicht werden müssen, auch wenn sie der Politik missfallen. Das gilt umso mehr, wenn die Arbeit mit Steuergeld bezahlt wurde. Ich kenne Fälle, in denen spannende Erkenntnisse in ministerialen Schubladen verschwanden.

Frage: Manchen Kritikern geht Ihr neuer Kodex nicht weit genug. Müssen Sie nachlegen?

Burda: Ich kann mir vorstellen, dass wir den Kodex später erweitern. Es war etwa noch nicht mehrheitsfähig, das Thema Co-Autorenschaft zu behandeln. Wenn ein Student oder wissenschaftlicher Mitarbeiter wesentlich an einer Forschungsarbeit mitwirkt, sollte am Ende nicht nur der Name des Professors drunterstehen. Alles andere ist wissenschaftliche Sklaverei.

Erschienen in der WirtschaftsWoche