Man kann nicht gerade sagen, dass die Schweizer diesen Mann lieben. Immerhin hat der heute 47-jährige Bradley Birkenfeld das Schweizer Geschäftsmodell zu Fall gebracht, das zu einem wesentlichen Teil auf dem gewinnbringenden Umgang mit Schwarzgeld basierte. Der Banker hatte 2007 den Justizbehörden der USA Informationen zugespielt, die belegten, dass sein Arbeitgeber, die Schweizer Großbank UBS, vermögende amerikanische Kunden zur Steuerhinterziehung angestiftet hat – ein Geschäftsgebaren übrigens, bei dem Birkenfeld selbst ein paar Jahre ohne aufzumucken mitmachte.

Birkenfelds Informationen führten dazu, dass die UBS ein Bußgeld von 780 Millionen Dollar an den US-Staat überwies und die Daten von 4.450 US-Kunden preisgab. Das alles geschah sehr überhastet, aber man glaubte, nur so sei die Existenz der Bank zu retten. Die Schweizer Regierung spielte mit, indem sie der Auslieferung der Kundendaten zustimmte. Auch Birkenfeld bezahlte seinen Preis: Er wanderte für 31 Monate in ein amerikanisches Gefängnis, weil er einem Milliardär beim Steuerbetrug behilflich gewesen war.

Mit der Preisgabe der Kundendaten im Juli 2009 war das Schweizer Bankkundengeheimnis ein erstes Mal gebrochen worden – es hat sich davon nie mehr erholt und liegt seitdem auf dem Sterbebett. Der Streit mit Deutschland um ein Steuerabkommen ist nur ein Beispiel für die argumentative Schieflage, in die sich der Schweizer Finanzplatz durch die Folgen der Causa Birkenfeld gebracht hat. Wie kann man heute glaubhaft erklären, dass man den Amerikanern Kundendaten ausliefert und diese gleichzeitig Deutschland und anderen Ländern mit Berufung aufs Bankkundengeheimnis verweigert?

"Staat stiftet Bürger zu illegalen Taten an"

Dass nun ausgerechnet der Mann, der der Schweizer Finanzbranche so viel Unbill zugefügt hat, von den US-Steuerbehörden für seinen Verrat mit 104 Millionen Dollar belohnt wird, ist vielen Schweizern unbegreiflich. Für die Neue Zürcher Zeitung ist dieses Vorgehen "absurd". Damit werde "der Staat zum Hehler, der seine Bürger zu illegalen Taten und Verrat anstiftet". Christoph Blocher , Chef der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei, kommentiert sarkastisch: "Da geben die Amerikaner einem Verräter 104 Millionen, nachdem man ihn vorher ins Gefängnis gesteckt hat."

In der Schweiz wird die Belohnung auch als ein weiteres Indiz verstanden, dass die USA trotz gegenteiliger Beteuerungen aus dem Justiz- und Außenministerium nicht wirklich gewillt sind, einen dauerhaften Steuerfrieden mit der Eidgenossenschaft zu erzielen. Die Straf- und Klageandrohungen waren bislang so einträglich, weil sie auch viele Steuersünder zu Selbstanzeigen bewegten. Darum will man diese Drohkulisse aufrechterhalten. Birkenfeld habe man vor allem belohnt, um andere Banker zu ähnlichem Verrat anzustiften.

Sieht man die Sache aber in einem größeren Zusammenhang, so steht der Name Bradley Birkenfeld für die Schweizer Banken sinnbildlich für einen Paradigmenwechsel. Er beschleunigte bloß, was ohnehin so kommen musste: den Abschied vom Schwarzgeld-Paradies. Vieles deutet darauf hin, dass die Schweiz in ein paar Jahren den automatischen Informationsaustausch mit den Steuerbehörden des Heimatlandes zulassen wird. Der florierende Handel mit Bankkundendaten hätte erst dann ein definitives Ende.

Den Reformdruck erhöht

Was man jetzt erlebt, sind Rückzugsgefechte. Hinter vorgehaltener Hand sagen das auch schon wichtige Schweizer Banker. Sie wollen endlich eine juristisch einwandfreie Geschäftsbasis. Kurz: Sie wollen Ruhe. Der Nachbarstaat Liechtenstein , der jahrzehntelang ebenfalls als Schwarzgeld-Oase verrufen war, hat gerade angekündigt, dass man sich den automatischen Informationsaustausch "gut vorstellen könne". Noch aber fürchten die Schweizer Banken diesen Tabubruch, weil er kurzfristig zu einem Vertrauensverlust der Kunden führen könnte. Zudem verweigern sich auch andere konkurrierende Finanzplätze wie Luxemburg oder Singapur der Offenlegungspflicht.

Vielleicht wird man in ein paar Jahren sagen können, Bradley Birkenfeld habe der Schweiz letztlich mehr genützt als geschadet. Weil er mit seinen Taten den Reformdruck für einen anständigen Finanzplatz entscheidend erhöht hat. Aber diese Erkenntnis wird in der Schweiz erst noch reifen müssen.