Der amerikanische Ökonom Alvin Roth erhält zusammen mit Lloyd Shapley den diesjährigen Preis für Wirtschaftswissenschaften in Gedenken an Alfred Nobel , meist als Wirtschaftsnobelpreis bezeichnet. Ausgezeichnet werden die beiden Ökonomen für ihre Forschung über stabile Verteilungen auf Märkten, vor allem auf solchen, bei denen kein Geld im Spiel ist. Ein Beispiel für solche Märkte sind Systeme zur Verteilung von Studienplätzen. Ein anderes ist der Tauschmarkt für Spendernieren, an dessen Aufbau Roth beteiligt war.

ZEIT ONLINE: Mr. Roth, für einen Ökonomen tun Sie etwas ganz Ungewöhnliches: Sie setzen Ihre abstrakten Theorien in praktische Systeme für die Verteilung von Spendernieren, die Vergabe von Schulplätzen und so weiter um. Kommen Sie da überhaupt noch zum eigentlichen Forschen?

Alvin E. Roth: Ja, die praktische Arbeit lässt uns sogar auf neue Fragen stoßen, auf die ursprünglich keiner gekommen ist. Früher habe ich auch mal rein mathematische Bücher geschrieben, die sich zwar durchaus mit dem realen Leben beschäftigten, wo am Ende aber immer stand: Folgende Abweichungen könnten noch eintreten, folgende Dinge können nicht ausgeschlossen werden und so weiter. Als Theoretiker reicht das dann.

ZEIT ONLINE: Und als Praktiker?

Roth: Da wollen Sie wissen, ob diese möglichen Komplikationen groß oder klein sind und wie häufig sie vorkommen. Das ist aber auch wieder für die Theorie interessant. Sie merken also, dass sich mein Geschmack für Theorie im Lauf der Zeit verändert hat.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten diese Ergebnisse also immer wieder in die Theorie ein, um auf Dauer eine bessere Lehre zu entwickeln?

Roth: Genau. Unser Vergabeverfahren für Spendernieren etwa hat sich mit der Zeit immer wieder verändert. Wir sammeln mehr Daten von neuen Arten von Spendern, dabei entdecken wir neue Zusammenhänge, und dafür brauchen wir auch wieder eine verbesserte Theorie. Darüber habe ich gerade kürzlich erst wieder ein neues Papier geschrieben.

ZEIT ONLINE: So richtig elegant sehen Ihre Theorien am Ende aber nicht mehr aus. Sie werden zunehmend kompliziert und unübersichtlich.

Roth: Unbedingt! Das ist aber so wie bei den Physikern und den Ingenieuren. Wenn Sie im Physikstudium eine Hängebrücke durchnehmen, gehen die Gravitationskräfte alle senkrecht nach unten, und die Pfeiler sind alle gleich fest. Aber wenn Sie dann wirklich eine Brücke bauen, gibt es manchmal auch noch Wind, und die Pfeiler schwanken. Wenn Sie das nicht beachten, fällt Ihre Brücke um! All das weicht ab von einem einfachen, eleganten Modell.

ZEIT ONLINE: Sollten mehr Ökonomen so praktisch arbeiten wie Sie? Sicher könnten sie damit auf Dauer auch mehr Geld verdienen als mit dem Schreiben von Lehrbüchern ...

Roth: (lacht) Na ja, einige Ökonomen sind ganz schön reich geworden. Die Kerle etwa, die an den Finanzmärkten arbeiten. Aber ja, ich kann mir neue Verdienstwege für Ökonomen vorstellen.

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie die nächsten Anwendungen?

Roth: Interessant ist zum Beispiel der Wandel am Arbeitsmarkt, wo es heute üblich ist, dass beide Partner arbeiten. Sie haben also nicht nur das Problem der Jobsuche, sondern auch der Partnerwahl. Anwälte in einer großen Kanzlei und bestimmte Freiberufler geben zum Beispiel gute Partner ab, weil der Anwalt eher fixe Tagesabläufe und Bürozeiten hat und sein Partner die Arbeit darum herum flexibler gestalten kann.