Die Europäer wollen bei der Herbsttagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) endlich aus der Defensive kommen. Deshalb verweisen Finanzminister Wolfgang Schäuble und seine Kollegen auf die Erfolge der Rettungspolitik: Die Schulden wurden reduziert, die Lohnkosten in Südeuropa sinken, die Leistungsbilanzungleichgewichte gehen zurück.

Die frohe Botschaft allerdings kommt nicht richtig an. Zwar werden die Fortschritte von den Amerikanern und den Schwellenländern anerkannt, doch sie vermissen Wachstum. Und ohne Wachstum lässt sich ihrer Einschätzung nach die Krise nicht beenden.

Der Dissens ist Ausdruck unterschiedlicher Philosophien. Die Europäer – allen voran die Deutschen – glauben, dass sich das Wachstum schon irgendwann einstellen wird, wenn nur die strukturellen Probleme gelöst werden. Man dürfe, so sagt es Schäuble , nicht in die Gegenrichtung laufen, wenn man ein Ziel erreichen will. Es ist die Lehre, die man aus den Reformen der Agenda 2010 zieht, die ja die Krise zuerst auch verschlimmert hat.

Die Amerikaner – und mit ihnen der Internationale Währungsfonds und seine Chefin Christine Lagarde – argumentieren, dass die Lage schon so ernst ist, dass die betroffenen Länder weitere Einschnitte nicht verkraften würden. Schließlich wurden Spaniern und Griechen Kürzungen zugemutet, die weit über das hinausgehen, was bei der Agenda vereinbart wurde.

Tatsächlich wird es nicht ausreichen, nur auf die Reformfortschritte zu verweisen. Ohne Wachstum, ohne eine Aussicht auf Arbeitsplätze und Steuereinnahmen werden die Krisenländer die Wende nicht schaffen. Und Griechenland wird ohne einen Forderungsverzicht der staatlichen Gläubiger wohl nicht auf eigenen Füßen stehen können. Der IWF hat Erfahrung mit Krisen, die Europäer sollten seine Expertise nicht leichtfertig abtun.

Es handelt sich dabei nicht nur um eine akademische Debatte: Der Währungsfonds ist an der Finanzierung der Hilfsprogramme beteiligt – und er kann es sich als globale Organisation nicht erlauben, für die Europäer immer neue Ausnahmen zu machen und dabei seine eigenen Kriterien aufzuweichen. Die Euro-Staaten werden von ihrem Sonderweg ein Stück abweichen, oder die Sache in die eigenen Hände nehmen müssen.