Big Oil nimmt Amerika in Geiselhaft

Noch nie hat ein Hurrikan einen so treffenden Namen getragen wie der Wirbelsturm, der jüngst New York und die Ostküste heimgesucht hat : Sandy. Sandy ist die Abkürzung von Kassandra, der griechischen Sagen-Figur. Die Götter gaben Kassandra seherische Fähigkeiten. Doch diese Gabe war ein Fluch. Kassandras Vorhersagen wurden regelmäßig ignoriert. Genau das ist das Wesen der Tragödie: Man weiß, dass bestimmte Handlungen zu einer Katastrophe führen – und macht sie trotzdem.

Eben das passiert zurzeit in den USA . Seit mehr als zwanzig Jahren warnen Wissenschaftler davor, dass der Klimawandel immer öfter zu extremen Wetterereignissen führen wird . In diesem Jahr erlebten die USA den heißesten Sommer überhaupt und die schlimmste Dürre seit fünfzig Jahren. Mega-Stürme wie Sandy werden noch häufiger die Ostküste heimsuchen.

Doch die Warnungen der Wissenschaftler werden ignoriert – zumindest in Washington . Selbst nach der Verwüstung von New York ist unklar, ob Amerika jetzt endlich aufwacht und ernsthaft etwas unternimmt.

Es gibt erste Hoffnungsschimmer: Den Anstieg des Meeresspiegels zu mindern, würde doch ganz sinnvoll klingen, wenn man sich die Folgen von Sandy anschauen würde, sagte am Dienstag Ex-Präsident Bill Clinton . Er ist damit das erste politische Schwergewicht, das explizit eine Verbindung zwischen Sandy und Klimawandel zieht.

Auch New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo redete Präsident Obama ins Gewissen. "Jedes zweite Jahr haben wir inzwischen eine Jahrhundertflut", sagte er nach dem Wirbelsturm, "jeder der glaubt, die Wettermodelle ändern sich gerade nicht dramatisch, verleugnet die Realität."

Obama dagegen schweigt. Ebenso sein Herausforderer Mitt Romney . Zum ersten Mal seit 1984 spielt das Thema Klimawandel keine Rolle während der TV-Duelle der Kandidaten. Und was sagt Obama in einem MTV-Interview, als er darauf angesprochen wird? Ja, das hätte ihn auch "überrascht" – so, als ob er nichts dafür könnte. Er ist ja nur Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika . Interessanterweise fand er aber genug Zeit, über rekordverdächtige Ölfördermengen und neue Pipelines zu reden.

Klimawandel kein Thema im Wahlkampf

Auch in den Medien spielt das Thema Klimawandel keine Rolle. Sie tun es als drittklassig ab. Es sei ein Nischenthema, das nur für ein paar einsame Umweltschützer interessant sei. Am Ende würden doch Wirtschaftsthemen die Menschen stärker interessieren, so eine CNN- Moderatorin nach einem TV-Duell der Präsidentschaftskandidaten.

Das sollte man mal der Versicherungsbranche sagen, die nach Sandy Schäden in Höhe von mindestens 20 Milliarden Dollar stemmen muss. Oder den amerikanischen Steuerzahlern, die sich auf zusätzliche zehn bis zwölf Milliarden Dollar einstellen müssen, weil Werte unversichert waren.

Dieser Betrag entspricht etwa den Subventionen für die Öl-, Gas und Kohleindustrie, die nicht nur den Klimawandel verantwortet, sondern auch verhindert, dass die Politik aktiv wird. "Wie wäre es, wenn wir unser Geld nicht dafür verwenden, den Klimawandel weiter anzuheizen, sondern zukünftige Naturkatastrophen verhindern", sagt Steve Kretzmann von der Organisation Oil Change International .

Und am Ende sollte man das zu Valerie Baumler sagen, die ihren 11-Jährigen Sohn Jack durch Sandy verloren hat.

"Wenn es irgendeine Gerechtigkeit in der Poesie gibt, dann sollte dieser Wirbelsturm Hurrikan Chevron oder Hurrikan Exxon heißen, nicht Hurrikan Sandy ,” sagt Bill McKibben, Gründer der Klimaschutz-Organisation 350.org. Chevron, Exxon-Mobil und andere Ölkonzerne haben gezielt Desinformationskampagnen finanziert. Sie haben es geschafft, dass die USA die weltweit einzige Industrienation sind, die noch immer ernsthaft den wissenschaftlichen Konsens bezweifelt, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Big Oil sorgt dafür, dass solche Naturkatastrophen wahrscheinlicher werden – und tödlichere Folgen haben.

Aber das muss nicht so kommen. Es gibt Lösungen – und es gibt sie schon heute: Wir können die Energieeffizienz radikal steigern. Wir können schneller auf Solar, Wind und andere alternative Energien umsteigen. Wir können die klimaschädlichen Subventionen streichen. Das alles würde einen Aufschwung für unsere Wirtschaft bedeuten. Wir würden dafür sorgen, dass die besten Talente Amerikas zusammenkommen.

Die Herausforderung ist nicht technischer Art – wenn sie das überhaupt jemals war. Sie ist politischer und natürlich, am Ende, wirtschaftlicher Art. De facto hat Big Oil ein Veto-Recht in der US-Politik. Seit mehr als zwanzig Jahren wissen wir, wie man den Klimawandel bekämpft: Man verbrennt weniger Öl, Gas und Kohle.

Aber davon will Big Oil nichts hören. Bevor man auf die Förderung des letzten Tropfen Öls verzichte, so sagte es kürzlich Exxon-Mobil-Chef Rex Tillerson, würde man lieber die wichtigsten Anbauflächen Amerikas, den Farm Belt , verlagern.

Wie lange noch darf Big Oil die amerikanische Regierung in Geiselhaft nehmen? Wie lange noch haben Exxon-Mobils Geschäftspläne das Sagen – und nicht das Wohl unsere Kinder? Keiner der Präsidentschaftskandidaten klingt sehr inspiriert. Obama will wenigstens über das Thema reden, er unterstützt zumindest das Aus für steuerfinanzierte Subventionen für Ölkonzerne. Romney dagegen denkt sogar, dass bislang Washington Big Oil noch nicht genug unterstützt hat.

Kein Präsident kann sich erfolgreich Big Oil in den Weg stellen. Es sei denn, er hat die Unterstützung einer aktiven Bürgerbewegung. Vielleicht kann Hurrikan Sandy zum Aufbau einer solchen Bewegung beitragen. Damit Amerika am Ende doch noch auf die Kassandra-Rufe hört.

Aus dem Englischen von Marlies Uken