Ökonomen lernen vom Sozialismus – Seite 1

Früher galt Bitterfeld als dreckigste Stadt Europas. Wenn die Einwohner ihre Fenster öffneten, nahmen ihnen bisweilen beißende Schwaden den Atem. Dutzende Kohlekraftwerke und das benachbarte Chemiekombinat vergifteten die Luft.

Als Industriestadt war Bitterfeld ein Extrembeispiel. Doch auch sonst nahm es die DDR-Führung nicht allzu genau mit dem Umweltschutz. Umso erstaunter waren Ärzte, als sie nach der Wende feststellten, dass es in Ostdeutschland trotzdem viel weniger Allergie-Erkrankungen gab als im Westen. Gleichzeitig glich sich aber die Häufigkeit der Allergien nach der Wende dem Westniveau an. Da die Bevölkerung in West und Ost genetisch gleich ist, schlossen die Forscher: Es muss an der westlichen Lebensart liegen.

Auch Ökonomen versuchen, die DDR als "natürliches Experiment" für ihre Forschung zu nutzen: Durch die deutsche Teilung waren zwei wirtschaftlich, kulturell und politisch vergleichbare Regionen sehr unterschiedlichen Bedingungen ausgesetzt. Wenn nach der Wende Unterschiede zwischen Ost und West zu finden sind, muss der Grund dafür aus der Zeit der Teilung herrühren.

Natürliche Experimente beheben ein Dilemma der Volkswirtschaft: Um einzelne Effekte zweifelsfrei identifizieren zu können, müssten die Forscher eigentlich Daten zweier Welten miteinander vergleichen, die in allen Merkmalen übereinstimmen – nur in einem nicht. In der Realität ist das kaum möglich – abgesehen von verhaltensökonomischen Fragen, bei denen man Probanden im Labor kleine Experimente durchspielen lässt. Der Münchner Wirtschaftshistoriker Davide Cantoni verfolgt daher einen anderen Ansatz. "Wir müssen gucken, wo uns die Geschichte ein Experiment anbietet", sagt er.

Mit Ost-West-Vergleichen haben Ökonomen mehrfach spannende wirtschaftliche Fragen analysiert. So ging etwa die Frankfurter Makroökonomin Nicola Fuchs-Schündeln gemeinsam mit Alberto Alesina ( Harvard University ) der Frage nach, ob politische Grundüberzeugungen durch herrschende Parteien beeinflusst werden . Der Ost-West Vergleich lieferte hierfür klare Belege: Die Menschen im Osten haben heute eine deutlich höhere Präferenz für Umverteilung und einen starken Staat als im Westen.

In einer neuen Studie nutzen Davide Cantoni und Leonardo Bursztyn (UCLA) einen ähnlichen Ansatz , um zu untersuchen, wie sich Fernsehwerbung auf den Konsum auswirkt. Allerdings analysieren sie Unterschiede innerhalb von Ostdeutschland: Dabei machen sich Cantoni und Bursztyn den Umstand zu Nutze, dass nicht alle DDR-Bürger Westfernsehen empfangen konnten. Zwar sendeten ARD und ZDF von der Grenze aus direkt in die DDR hinein – und wurden vom Regime auch nicht darin gehindert. Dennoch reichten die West-Wellen nicht bis in alle Ost-Regionen. So musste das Gebiet um Greifswald genauso auf Tagesschau und Wetten dass verzichten wie die Region östlich von Dresden – das so genannte "Tal der Ahnungslosen". Das Privatfernsehen steckte Ende der 1980er Jahren noch in den Kinderschuhen und sendete hauptsächlich über Kabel. So kam es, dass zwar die meisten, aber eben nicht alle DDR-Bürger Werbung zu sehen bekamen – Werbung für Produkte, die sie bis zur Wende nicht kaufen konnten, danach aber schon.

Mit Daten aus Ostdeutschland aus den Jahren nach der Wende untersuchten Cantoni und Bursztyn nun verschiedene Thesen zum Konsumverhalten. Etwa die, dass Werbung die Menschen generell zu höherem Konsum verleitet. Doch Belege dafür fanden sie nicht: In den Regionen mit und ohne Zugang zu Westfernsehen verdienten und sparten die Menschen nach der Wende ähnlich viel – und verwendeten einen vergleichbaren Anteil ihres Einkommens für den Konsum.

Problematisch ist der Mangel an Daten aus der Vorwendezeit

Doch die Werbung wirkte trotzdem – denn sie beeinflusste die Auswahl der Waren. In den Werbeblöcken der ARD waren zwischen 1980 bis 1990 besonders Nahrungsmittel, Getränke und Körperpflegeprodukte beworben worden. Daten aus dem Jahr 1993 zeigten: Genau diese Warenarten wurden in den Regionen der Ex-DDR, in denen es Westfernsehen gab, deutlich stärker nachgefragt – und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt auch die Menschen in Greifswald und Dresden schon drei Jahre lang Werbefernsehen gucken konnten.

Cantoni und Bursztyn fanden einen klaren statistischen Zusammenhang: Pro zusätzlicher Werbeminute zwischen 1980 und 1990, gaben die Menschen in den ostdeutschen Regionen mit Westfernsehen 1993 für die beworbene Produktgruppe 1,5 Prozent mehr aus als ihre Nachbarn in Dresden oder Greifswald, die vor der Wende kein Westfernsehen hatten. In der Stichprobe 1998 war der Effekt verschwunden.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Zugang zu ausländischen Medien das Verhalten von Menschen in totalitären Regimen beeinflusst", schreiben Cantoni und Bursztyn. Das erkläre auch, warum Diktaturen den Zugang zu ausländischem Fernsehen meist zensierten.

Davide Cantoni glaubt, dass sich anhand des Ost-West-Vergleichs noch einige ökonomische Fragen erforschen lassen. Problematisch ist jedoch der Mangel an Daten aus der Vorwendezeit, wie Cantoni aus leidiger Erfahrung weiß. In der Studie nutzt er Daten des Statistischen Bundesamtes für Ostdeutschland von 1993. In der DDR gab es bis 1990 ähnliche Daten. Um sie zu finden, sprach er mit vielen ehemaligen Mitarbeitern des Statistischen Amtes der DDR. Als er endlich eine Frau gefunden hatte, die sich auskannte, musste er ernüchtert feststellen: Die Daten waren auf Magnetbändern gespeichert worden. Da Magnetbänder zu DDR-Zeiten Mangelware waren, wurden sie jedes Jahr auf dasselbe Band gespeichert – und die Daten vom Vorjahr überschrieben.

Erschienen im Handelsblatt