Doch die Werbung wirkte trotzdem – denn sie beeinflusste die Auswahl der Waren. In den Werbeblöcken der ARD waren zwischen 1980 bis 1990 besonders Nahrungsmittel, Getränke und Körperpflegeprodukte beworben worden. Daten aus dem Jahr 1993 zeigten: Genau diese Warenarten wurden in den Regionen der Ex-DDR, in denen es Westfernsehen gab, deutlich stärker nachgefragt – und das, obwohl zu diesem Zeitpunkt auch die Menschen in Greifswald und Dresden schon drei Jahre lang Werbefernsehen gucken konnten.

Cantoni und Bursztyn fanden einen klaren statistischen Zusammenhang: Pro zusätzlicher Werbeminute zwischen 1980 und 1990, gaben die Menschen in den ostdeutschen Regionen mit Westfernsehen 1993 für die beworbene Produktgruppe 1,5 Prozent mehr aus als ihre Nachbarn in Dresden oder Greifswald, die vor der Wende kein Westfernsehen hatten. In der Stichprobe 1998 war der Effekt verschwunden.

"Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Zugang zu ausländischen Medien das Verhalten von Menschen in totalitären Regimen beeinflusst", schreiben Cantoni und Bursztyn. Das erkläre auch, warum Diktaturen den Zugang zu ausländischem Fernsehen meist zensierten.

Davide Cantoni glaubt, dass sich anhand des Ost-West-Vergleichs noch einige ökonomische Fragen erforschen lassen. Problematisch ist jedoch der Mangel an Daten aus der Vorwendezeit, wie Cantoni aus leidiger Erfahrung weiß. In der Studie nutzt er Daten des Statistischen Bundesamtes für Ostdeutschland von 1993. In der DDR gab es bis 1990 ähnliche Daten. Um sie zu finden, sprach er mit vielen ehemaligen Mitarbeitern des Statistischen Amtes der DDR. Als er endlich eine Frau gefunden hatte, die sich auskannte, musste er ernüchtert feststellen: Die Daten waren auf Magnetbändern gespeichert worden. Da Magnetbänder zu DDR-Zeiten Mangelware waren, wurden sie jedes Jahr auf dasselbe Band gespeichert – und die Daten vom Vorjahr überschrieben.

Erschienen im Handelsblatt