Jetzt wäre Albert O. Hirschman eigentlich in seinem Element. Mehr Menschen denn je verlassen ihre Partei oder ihre Kirche. Man kann mit ein paar Mausklicks den Stromanbieter oder die Krankenversicherung wechseln. Eltern haben die Wahl zwischen Privatschule und öffentlichem Schulsystem.

Die Wirtschaftsordnung im Jahr 2012 ist so verfasst: Leichter denn je kann man wechseln, wenn einem etwas missfällt. Man hofft, dass damit alles besser wird, jedoch: Was ist, wenn sich die neue Versicherung kaum von der alten unterscheidet, die Privatschule Defizite aufweist oder die staatliche Unabhängigkeit in einer globalisierten Welt nur eine Chimäre ist?

Bis in die siebziger Jahre war das bei Ökonomen noch kein Thema. Ihre Theorien besagten: Wenn die Leute mit einem Produkt nicht mehr zufrieden sind, greifen sie zu einem anderen Produkt. Daher sind die Anbieter gezwungen, sich stets von Neuem den Bedürfnissen ihrer Kunden anzupassen. So regelt sich der Markt.

Doch der US-Ökonom Albert O. Hirschman sah das anders: In der richtigen Welt gebe zu viele Monopole, zu viel beschränkten Wettbewerb, und daher könnten die Kunden in Wahrheit gar nicht so leicht bessere Alternativen finden. In Hirschmans Klassiker Exit, Voice, and Loyalty zeigt er, wie die Sache mit der Marktregulierung dennoch funktioniert: Der Kunde erhebt nämlich seine Stimme. Er trägt durch seine Kritik zum Fortschritt bei. Immer wieder, in vielen Bereichen der Wirtschaft und auch sonst im gesellschaftlichen Leben.

Solches Kritisieren sei häufig sogar für alle nützlicher als das Wegrennen, argumentierte Hirschman. Wenn Eltern mit der öffentlichen Schule der Kinder unzufrieden seien, wechselten erfahrungsgemäß die besser gebildeten Schichten auf Privatschulen. Dadurch verlören die öffentlichen Schulen aber ihre besten Kritiker, die Missstände offenlegen und den Staat zwingen könnten, die Ausbildung zu verbessern. Dies führe zu einer laufenden Verschlechterung der öffentlichen Schulen.

Um mit einem Produkt oder einer Leistung auf Dauer gut dazustehen, so Hirschmans Theorie, müssten Firmen oder Organisationen also einen bestimmten Grad an Loyalität erzeugen und gerade auf die Kritiker unter ihren Kunden hören. Allerdings, das ist ein interessanter weiterer Aspekt in Hirschmans Arbeit: Die Kunden dürfen auch keinen Druck oder gar Zwang empfinden, dabei zu bleiben. Sonst nehme ihre Loyalität gleich wieder ab und damit falle auch die Bereitschaft, etwas zu verändern. Die Möglichkeit des Ausstiegs müsse immer gegeben sein.

Hirschmann, der in Berlin geboren ist, hatte als Jude keine Wahl, in den dreißiger Jahren in Deutschland zu bleiben. Er floh in die USA und wurde Professor für Entwicklungsökonomie in Harvard und später in Princeton. Nun ist er mit 97 Jahren in Princeton gestorben.