Die Franzosen zweifeln an der Atomkraft

"Der Reaktor von Flamanville ist nicht geeignet, Energie zu einem angemessenen Preis zu liefern." Der Satz stammt nicht etwa von französischen Atomkraftgegnern. Gesagt hat ihn Anthony Parons, der kaufmännische Direktor der französischen Sektion des italienischen Energiekonzerns Enel. Die Italiener waren bis vor wenigen Tagen mit 12,5 Prozent am Bau des Druckwasserreaktors in Flamanville in Frankreichs Norden beteiligt, einem Atomkraftwerk der sogenannten dritten Generation. Nun steigt die Firma aus und verlangt rund 613 Millionen Euro an Investionen zurück.

Den Italienern wurde der Bau schlicht zu teuer. Auf 8,5 Milliarden Euro bezifferte der französische Stromkonzern EdF Anfang der Woche die Gesamtkosten für den "European Pressurized Reactor " (EPR), der leistungsstärker sein soll als alle seine Vorgänger. Damit liegen die Kosten immerhin rund fünf Milliarden höher als noch zum Baubeginn im Jahr 2005. Der Reaktor ist seither immer teuer geworden, zuletzt noch einmal um zwei Milliarden Euro. EdF begründet die Kostensteigerung unter anderem mit strengeren Sicherheitsvorkehrungen, die nach der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima notwendig wurden.

Die Umweltschützer von Greenpeace und der französischen Umweltorganisation France Nature Environnement (FNE) argumentieren nun, ein alter Mythos sei entzaubert worden: dass Atomstrom billiger zu haben ist als Strom aus erneuerbaren Energien. "Die Ankündigung begräbt die Mär vom Wettbewerbsvorteil des EPR gegenüber der Windkraft ", sagt Sophia Majnoni von Greenpeace. Die Kosten waren bislang in Frankreich ein Kernargument für die Atomkraft : Sie mache das Land nicht nur unabhängig von Öl und Gas, sondern sei auch im Stande, billigere Energie zu liefern.

Diese Politik hat die Infrastruktur des Landes maßgeblich beeinflusst. Die meisten Wohnungen wurden seither mit Elektroheizungen ausgestattet. Dass die Stromfresser die Wohnung oft nicht richtig warm machten, tat der Begeisterung keinen Abbruch. EdF betreibt mittlerweile rund 58 Atomkraftwerke in Frankreich, sie decken drei Viertel des französischen Stromverbrauchs. Den ältesten Reaktor in Fessenheim an der deutschen Grenze will Präsident François Hollande in vier Jahren vom Netz nehmen. Dann soll das neue Werk in Flamanville den Betrieb aufnehmen – mit sechs Jahren Verspätung .

Das Kostenargument verfängt bei vielen Franzosen

"8,5 Milliarden wurden verschwendet und echte Alternativen vorenthalten", sagt Charlotte Mijeon, Sprecherin des atomkraft-kritischen Netzwerks Sortir du Nucléaire . Nach Berechnungen von Atomkraftgegnern wird der Reaktor auch während des Betriebs nicht günstiger Strom liefern können. Eine Megawattstunde Strom aus Flamanville kostet den Umweltschützern zufolge rund 100 Euro, andere Organisationen sprechen von 70 bis 90 Euro. Der Preis für die gleiche Menge Strom aus Windkraftanlagen betrage hingegen 80 bis 85 Euro. Der Ökostrom ist im Zweifel also schon jetzt billiger.

Das Kostenargument zieht, das wissen die Atomkraftgegner. Zwar sind Franzosen in der Regel bereit, für Nahrungsmittel viel mehr Geld auszugeben als die Deutschen. Wenn es um die Stromrechnung geht, sind sie jedoch empfindlich. Rund 65 Prozent der Befragten sagten unlängst in einer Umfrage, die Regierung dürfte den Anteil der Atomkraft am Strommix bis 2025 nur dann auf 50 Prozent reduzieren, "wenn sie nicht mit einer Erhöhung der Energiepreise einher geht". 64 Prozent waren dafür, dass die Kernenergie auch in Zukunft die wichtigste Energiequelle im Land sein soll.

Seit dem Chaos rund um den Reaktor in Flamanville aber dreht sich die Debatte. Überraschend selbstkritische Töne kommen sogar von Experten, die bisher als unerschütterliche Atomfans galten. "Man hat zu lange glauben wollen, dass Kernenergie billig ist", sagt Vincent Le Biez, Angehöriger des sogenannten Corps des Mines. Die Kadergruppe von rund 500 Ingenieuren, in der Regel Absolventen der Elitehochschule Ecole Nationale Supérieure des Mines in Paris, bestimmt Frankreichs Atompolitik.

Offiziell ist sie zwar dem Wirtschaftsministerium unterstellt. Doch dort wechselt der Amtsinhaber alle paar Jahre, während seine Berater für Kernenergie ebenso wie die in den Ministerien für Umwelt, Industrie und Forschung alle Mitglieder des Corps sind. Andere Absolventen sitzen auf Führungsposten bei EdF, beim Atomkonzern Areva oder der Aufsichtsbehörde für Nuklearsicherheit.

"Niemand beim Corps des Mines zieht die Notwendigkeit der Atomkraft im Energiemix in Zweifel", sagt ein anderes Mitglied, François Bordes. Allerdings wachse in dem Kader eine jüngere Generation nach, "die Umweltfragen gegenüber aufgeschlossener ist und auch anderen Energiequellen ihren Platz einräumen will". Das klingt verhalten, ist aber für französische Verhältnisse beachtlich. Weder nach dem GAU in Tschernobyl noch nach dem Unglück von Fukushima stellten die Franzosen die Atomkraft ernsthaft in Frage. Selbst dann nicht, als Stresstests ergaben, dass keines der Kernkraftwerke ausreichend gegen Naturkatastrophen oder den Ausfall des Kühlsystems geschützt ist. 

"Man könnte sagen, dass die französische Atomtechnik tot ist."

Nun aber steht die Wirtschaftlichkeit der Atomkraft in Frage. "Man könnte sagen, dass die französische Atomtechnik tot ist", sagt Per Lekander, Analyst bei der Schweizer Großbank UBS. Bei solch hohen Kosten wie im Fall von Flamanville sei ein "Export unmöglich". Nun habe sich mit Enel auch noch ein wichtiger Partner verabschiedet. Nach Ansicht des Energieexperten ein "ganz schlechtes Zeichen".

Lekander kann sich kaum vorstellen, dass Großbritannien nach den jüngsten Nachrichten noch Interesse am EPR zeigt. EdF Energy, die britische Filiale des französischen Konzerns, verhandelt derzeit mit den dortigen Behörden über die Konditionen für den Bau von zwei Druckwasserreaktoren der dritten Generation. Die Franzosen hoffen auf insgesamt vier Aufträge.

Ursprünglich wollte Areva als Erfinder die Technologie in alle Welt verkaufen. Wenngleich das Unternehmen offiziell an seiner "Aktion 2016" festhält, bis in zu diesem Datum zehn EPR zu verkaufen, gingen seit September 2011 keinerlei Aufträge ein. Im finnischen Olkiluoto soll der Druckwasserreaktor mit fünfjähriger Verspätung und Mehrkosten von 3,6 Milliarden Euro endlich 2014 fertiggestellt werden. Zwei weitere sind derzeit in China im Bau.

Auch Frankreich will die Energiewende

Bereits 2009 gaben Kostengründe den Ausschlag, dass Frankreich ein Auftrag über mehr als 20 Milliarden Euro durch die Lappen ging. Trotz intensiver Lobbyarbeit entschied sich das Emirat Abu Dhabi schließlich für zwei Druckwasserreaktoren der zweiten Generation – aus Südkorea .

Die Nachrichten aus Frankreichs Norden kommen für Areva und EdF noch aus einem anderen Grund zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Vergangene Woche begann die Regierung mit den Beratungen über ein neues Energiegesetz, das im Herbst 2013 in Kraft treten soll. Arevas Wunsch, alternde Atomkraftwerke alle zwei bis drei Jahre mit dem Bau eines EPR zu ersetzen, könnte nur noch wenige Anhänger finden. Ohnehin rechnet die Union française de l'électricité, die alle Stromversorger im Land vereint, mit Kosten für die Energiewende von 590 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030.

Die teilweise Abkehr von der Atomkraft wird davon den geringeren Teil ausmachen – rund 100 Milliarden Euro. Teuer wird es vor allem werden, das Stromnetz auszubauen und die Energienutzung im Land effizienter zu gestalten. Rund die Hälfte der französischen Wohnungen sind mangelhaft gedämmt. Im Glauben an die billige Atomkraft durfte die Energie oft durchs Fenster entweichen.