ZEIT ONLINE: Herr Alós-Ferrer, stellen Sie sich vor, Sie gehen über eine Straße und ein LKW rast auf Sie zu. Was machen Sie?

Carlos Alós-Ferrer: Ich springe zur Seite.

ZEIT ONLINE: Und wenn auf der Seite der Straße ein stachliger Rosenbusch steht?

Alós-Ferrer: Dann tue ich mir ziemlich weh, habe aber trotzdem richtig gehandelt.

ZEIT ONLINE: Was würde der homo oeconomicus , der Mensch aus den klassischen ökonomischen Modellen, in so einer Situation tun?

Alós-Ferrer: Er würde sich beide Straßenseiten genau anschauen und sorgfältig abwägen, wohin er am besten springen kann. Und deswegen wahrscheinlich vom LKW überfahren werden.

ZEIT ONLINE: Zum Glück entscheiden echte Menschen also anders als der homo oeconomicus . Ist das ein Grund dafür, dass Ökonomen sich bisher so schwer tun, das Verhalten von Menschen und damit auch die Entstehung von Wirtschaftskrisen vorauszusagen?

Alós-Ferrer: Ja, viele Modelle und auch der homo oeconomicus basieren auf sehr stark vereinfachenden Annahmen. Damit sind sie mathematisch elegant und man kommt zu eindeutigen Lösungen. Doch leider haben diese Lösungen oft wenig mit der Realität zu tun, weil Menschen nun mal keine emotionslosen Optimierungsmaschinen sind.

ZEIT ONLINE: Sie versuchen deswegen, die Menschen in ökonomischen Modellen so darzustellen, wie sie wirklich sind. Dafür haben sie zusammen mit Kollegen von der Universität Konstanz und der Zeppelin Universität Friedrichshafen eine Forschergruppe gegründet, in der Psychologen, Ökonomen und Mathematiker zusammenarbeiten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt das mit 1,7 Millionen Euro. Woran forschen sie gerade?

Alós-Ferrer: Wir machen hauptsächlich Experimente. Zum Beispiel hier in unserem kleinen neurowissenschaftlichen Labor an der Kölner Uni. Wir beobachten dort unsere Probanden bei ganz einfachen Entscheidungssituationen. So wollen wir herausfinden, wann jemand sorgfältig nachdenkt und eine rationale Entscheidung trifft, und wann er einfach aus dem Bauch heraus handelt. Das Bauchgefühl kommt bisher in der Ökonomie überhaupt nicht vor, dabei entscheiden wir sehr häufig rein intuitiv. Wenn Ökonomen das Verhalten von Menschen voraussagen wollen, müssen sie das Bauchgefühl verstehen.