Selbst die Organisation Abgeordnetenwatch findet es nicht immer schlecht, wenn Politiker in Aufsichtsräten sitzen. Der Sprecher Gregor Hackmack nimmt den Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit als Beispiel: Der kam durch sein Amt ins Kontrollgremium des teilweise landeseigenen neuen Flughafens. Grundsätzlich sei das in Ordnung, sagt Hackmack. Die öffentliche Hand habe ein Interesse daran, die Verwendung von Steuergeld zu kontrollieren. Zudem fallen sie als Amtsträger unter das Beamtenrecht und erhalten daher kein zusätzliches Geld für ihre Tätigkeit. 

Vorstellbar sei aber auch, dass ein Experte im Auftrag der Politik das Aufsichtsratsmandat übernehme. Dieser könne in Detailfragen qualifiziertere Entscheidungen treffen.

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Handelt es sich aber wie bei Steinbrück um eine "reine Nebentätigkeit als einfacher Abgeordneter", sieht Hackmack einen Interessenkonflikt, zumal der SPD-Politiker von ThyssenKrupp Geld für seine Tätigkeit bekam. Es müsse dann die Frage gestellt werden, "ob der Politiker weiter im Allgemeininteresse handelt oder ob er Sonderinteressen durchsetzen will".

Um solche Konflikte zu vermeiden, sollten Politiker, die im Aufsichtsrat eines Unternehmens sitzen, sich nicht mehr in verbundenen Themenfeldern politisch engagieren dürfen, sagt Hackmack. Aufsichtsratsfunktionen von Politikern als reine Nebentätigkeit lehnt er sogar grundsätzlich ab. Damit vertritt er unter Steinbrücks Kritikern eine Maximalposition. 

"Kapitalgesellschaften sind stets öffentlich relevant"

Der deutsche Gewerkschaftsbund DGB nimmt eine ganz andere Haltung ein. Politiker erfüllten einen gesellschaftlichen Auftrag, wenn sie in Aufsichtsräten von rein privatwirtschaftlichen Unternehmen sitzen, sagen die Gewerkschafter. "Kapitalgesellschaften sind stets öffentlich relevante Organisationen. Entscheidungen von Unternehmen wirken sich oft auch in der Gesellschaft aus, zum Beispiel in der Kommune", sagt DGB-Vorstandsmitglied Dietmar Hexel.

Politiker könnten aufgrund ihres spezifischen Wissensprofils und ihrer Kompetenzen wichtige Impulse für die Unternehmensstrategie setzen – sofern sie sich ausreichend Zeit nähmen.

Was aber geschieht, wenn Aufsichtsräte ihre Kontrollpflicht nicht ausreichend ausüben, so wie es jetzt Steinbrück im Fall ThyssenKrupp und Wowereit beim Flughafen vorgeworfen wird? Der Wirtschaftsjurist Adams sagt, dass für Aufsichtsräte eine persönliche Haftung gesetzlich verankert sei. Auch wenn diese ein Amt annähmen, zu dem sie fachlich nicht qualifiziert seien, blieben sie haftbar. Problem: In der Praxis würden sie für mögliche Fehler kaum belangt.