Rajasthan gehört zu den ärmsten Regionen Indiens. Doch im vergangenen Sommer erlebte der Wüstenbundesstaat ein wirtschaftliches Wunder. Die abgelegenen Ortschaften blühten auf. Bauern verließen ihre Lehmhütten und zogen in Häuser aus Stein. Autos parkten in den Hofeinfahrten, neue Traktoren tuckerten über die Felder.

Hinter dem plötzlichen Wohlstand steckte eine unscheinbare Frucht. "Es ist das Geschenk der Büschelbohne", sagten die Bauern. Der Preis der Bohne, die in Rajasthan traditionell als Viehfutter angebaut wird, hatte sich innerhalb kürzester Zeit verzehnfacht. Die Bauern wollten das Geschenk klug nutzen und mehr aus dem unerwarteten Boom machen. Sie kauften mehr Saatgut als sonst. Viele verschuldeten sich dafür.

Das könnte sie jetzt in den Ruin treiben. Denn die Preise fallen ebenso schnell, wie sie zuvor gestiegen sind. Wenn der Trend sich nicht umkehrt, "könnte es ein Desaster geben", sagt Ankur Paliwal, Mitarbeiter beim Thinktank Centre for Science and Environment in Delhi.

Die Ursachen für die heftigen Preisschwankungen liegen geografisch weit entfernt. Die Geschichte der Büschelbohnenfarmer Rajasthans zeigt, wie schnell Menschen in einer globalisierten Wirtschaft aufsteigen und wieder fallen können – angetrieben von Kräften, die außerhalb ihres Einflussbereichs liegen. Die Geschichte handelt von der Macht großer Konzerne und dem unermesslichen Energiebedarf der reichen Industriestaaten. Und sie erzählt von der Abhängigkeit und den Existenznöten kleiner Bauern wie jenen aus Rajasthan.

Energierevolution nur mit Bohne

Ohne eigenes Zutun waren die indischen Farmer für eine kurze Zeit von wenigen Monaten zu wichtigen Lieferanten einiger US-Energiekonzerne geworden. Dabei diente ihr Hauptprodukt, die Büschelbohne, noch bis vor anderthalb Jahren hauptsächlich als Futter für Ziegen und Kühe. Ein kleiner Teil der Ernte wurde in Nahrungsmitteln und Zahnpasta verarbeitet.

Dann kam der Fracking-Boom in den USA und änderte alles. Für die Bohrtechnik des Fracking ist ein Gummi unverzichtbar, das aus der Büschelbohne gewonnen wird. Plötzlich brauchten US-Konzerne Büschelbohnen, und zwar in enormen Mengen. Rund 90 Prozent der Lagerbestände wurden im vergangenen Sommer von den Energieunternehmen aufgekauft, schätzt die Großbank UBS. Die Preise schossen in die Höhe.

Durch Fracking lassen sich früher unattraktive Gasfelder rentabel ausbeuten. Die Technologie hat den USA einen neuen Energieboom beschert: Dank des ausgeweiteten Angebotes haben sich die Gaspreise in den USA im Vergleich zu 2008 um mehr als 60 Prozent reduziert. Experten rechnen damit, dass sich die USA bald von einem Gasimporteur zu einem Gasexporteur wandeln werden. Der globale Erdgasmarkt steht vor gewaltigen Umbrüchen.

Beim Fracking wird eine Flüssigkeit in Gesteinsrisse gepresst, aus denen das begehrte Erdgas entweichen soll. Aber erst durch Guargummi, das aus der Büschelbohne gewonnen wird, erhält die Bohrflüssigkeit ihre perfekte Viskosität. Ohne die Bohne wäre die Fracking-Revolution nicht möglich.

Bohnen wurden knapp

Im Frühjahr 2012 wurden Büschelbohnen in den USA allmählich knapp. Die Energiemanager richteten ihre Aufmerksamkeit auf die Einöde Rajasthans im Nordwesten Indiens, woher rund 80 Prozent der weltweiten Büschelbohnen-Ernte stammten. Den Firmenlenkern wurde klar, dass von diesem Flecken Erde die Zukunft ihrer Unternehmen abhängen könnte. "Der US-Konzern Halliburton und andere Firmen sind stärker in den Markt eingestiegen und haben die Preise in extreme Höhen gedrückt", sagt Stephen Schork, Herausgeber des amerikanischen Energiebranchendienstes Schork Report.

Die Firmen rafften teils gewaltige Vorräte zusammen. Halliburton griff so tief in die Tasche, dass der Konzern anschließend seine Gewinnaussichten nach unten korrigieren musste. Das Unternehmen gab an, dass die Ausgaben für das Guargummi bis zu 30 Prozent der Kosten pro Bohrloch ausmachten. "Halliburton hatte in seiner Panik viel zu viel gekauft", sagt Schork. Die Preise schossen immer schneller in die Höhe.

 Alle säten Büschelbohnen, dann fiel der Preis

Die indischen Bauern verstanden davon nichts. "Die meisten haben doch keine Ahnung von internationaler Nachfrage und Handel", sagt Ajay Jakhar, der selbst Büschelbohnen anbaut und Vorsitzender der indischen Farmer-Organisation Bharat Krishak Samay ist. Aber sie merkten, dass die Preise rasant anstiegen, und investierten entsprechend.

Der stellvertretende Direktor der Landwirtschaftsbehörde Rajasthans schätzt, dass sich die Anbaufläche für Büschelbohnen in diesem Jahr um ein Drittel erhöhte. Ein indischer Bauer erzählte lokalen Medien, er würde die Bohne mittlerweile sogar auf dem Dach anpflanzen. Auch Bauernfunktionär Jakhar stellte um: Auf 80 Prozent seiner Felder wächst jetzt die Büschelbohne. Gleichzeitig haben auch Farmer von Pakistan bis Texas die Büschelbohnen ausgesät, um vom Boom zu profitieren.

Doch der scheint schon wieder zu Ende. Mittlerweile gibt es ein Überangebot an Bohnen, und die Preise sind im freien Fall. Seit dem Sommer haben Büschelbohnen zwei Drittel ihres Marktwerts verloren. "Die Preise fallen täglich, noch vor ein paar Wochen hätte ich 25 Prozent mehr für meine Bohnen bekommen", sagt Jakhar.

Existenz von 200.000 Bauern bedroht?

Die meisten der Bauern Rajasthans sind nicht in der Lage, mit solch starken Kursschwankungen umzugehen. "Während der Hochphase haben viele viel zu teures Saatgut eingekauft. Sie sahen ja, welche tollen Preise man mit der Bohne erzielen konnte", sagt Kavaljit Singh, Forscher bei Madhyam, einem Thinktank für Entwicklungspolitik in Neu Delhi. "Dafür haben sich viele bei lokalen Geldleihern verschuldet."

Jetzt wissen die Bauern nicht mehr, wie sie ihre Schulden zurückzahlen sollen. Die Zahl der gefährdeten Farmer schätzt Singh auf 200.000. Wirklich belastbare Angaben gibt es aber nicht.

In ihrer Not horten manche Bauern jetzt die Bohnen. Sie hoffen auf bessere Preise. Doch ihr Erfolg ist bescheiden, denn viele Farmer sind aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage zum Verkauf gezwungen. "Die Bauern verkaufen, um das zu erhalten, was sie zum Leben brauchen", sagt Farmer Jakhar. "Ich glaube, es ist die falsche Taktik."

Alternativen zur Bohne

Doch Experten bezweifeln, dass die Preise für Büschelbohnen bald wieder steigen werden. Grund ist nicht nur das Überangebot: Die Energiekonzerne forschen bereits an Alternativen zur Bohne.

"Als die Preise im Sommer so hoch waren, haben die Fracking-Firmen darauf reagiert und ihre Forschung intensiviert", sagt Analyst Michael Mbogoro vom Beratungsunternehmen Frost & Sullivan. Die beiden Branchengrößen Halliburton und Baker Hughs hätten bereits Alternativen entwickelt. Mittel mit den Namen Permstim oder Aquaperm würden schon eingesetzt, jedoch noch nicht in Massen produziert. Vermutlich seien die Ersatzstoffe noch etwas teurer als der derzeitige Preis für das Guargummi.

Auch Energiemarkt-Experte Schork rechnet mit eher fallenden Preisen: "Keine Branche kann es sich leisten, von einer Region und deren Produkten so abhängig zu sein", sagt er. Die Suche nach Alternativen könnte bald ein neues Gewächs in den Fokus der Unternehmen rücken, glaubt Schork. Der Johannesbrotbaum liefert beispielsweise ein Verdickungsmittel, das über ähnliche Eigenschaften wie Guargummi verfügt. "Gut möglich, dass wir bei dem Produkt dieser Pflanze dann ähnlich starke Preisschwankungen sehen", sagt Schork.