Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, aber alles andere als im Verborgenen, hat sich das Verhältnis zwischen der deutschen Exportwirtschaft und dem diplomatischen Dienst in den vergangenen 25 Jahren grundlegend geändert. Aus dem wechselseitigen Nichtbeachten außer in Notsituationen ist ein geradezu inniges Verhältnis geworden. Das Auswärtige Amt und die 230 diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik weltweit betrachten sich zunehmend als Dienstleister der Außenwirtschaft. Vor allem die mittelständische Wirtschaft nutzt dies intensiv. Dax-Unternehmen knüpfen ihrerseits enge Beziehungen in das Außenministerium hinein, werben erfahrene Diplomaten ab und platzieren sie in für den Export wichtigen Führungspositionen.

Hinter diesem Wandel steht nicht etwa die deutsche Variante eines militärisch-industriellen Komplexes nach französischem oder US-amerikanischen Vorbild (obwohl es so etwas, siehe Leopard-Export, auch gibt), sondern die politische Erkenntnis eines traditionell eher pazifistisch orientierten Staates: Deutscher Einfluss in der Welt basiert nicht auf Armeen, sondern auf dem Erfolg der deutschen Wirtschaft, die wegen der hohen Qualität ihrer Produkte und der integren Sozialstandards der Unternehmen geschätzt wird. Entfalten konnten sich diese Schlussfolgerungen aus dem Erkennen des eigenen begrenzten Einflusses erst mit dem Zusammenbruch der Blöcke und der geradezu explosionsartigen Globalisierung der Wirtschaftsbeziehungen. Der Export auch außerhalb der Europäischen Union gewann nach 1990 immer größere Bedeutung, nicht zuletzt, weil sich in China und den Staaten der früheren Sowjetunion, aber auch mit Brasilien und Indien völlig neue Märkte auftaten. Märkte, in die man nicht nur liefern konnte, sondern in denen man auch produzieren musste, um seine Absatzchancen zu wahren. Das waren vor allem, aber nicht nur Staaten, in denen deutsche Unternehmen wenig, deutsche Diplomaten aber viel Erfahrung hatten. Ein führender deutscher Diplomat kommentierte dem Tagesspiegel gegenüber die Entwicklung ab 1990 mit dem Satz: "Ich weiß von keiner bedeutenden deutschen Auslandsinvestition, bei der nicht die Botschafter oder gar der Außenminister selbst beteiligt waren". Das gilt für staatlich reglementierte Märkte in besonderem Maße. Keine der fast 190 Produktionsstätten deutscher Automobilunternehmen in der Volksrepublik China dürfte ohne politische Begleitung auf hoher Ebene realisiert worden sein.

So entpuppt sich das deutsche Exportwunder, das die Bundesrepublik selbst in der Wirtschaftskrise nach 2008 relativ resistent gegen Konjunkturrückschläge gemacht hat, auch als Ergebnis des Zusammenspiels diplomatischer, politischer und ökonomischer Kräfte. Deutschland hat dabei die Chance, nicht nur Waren, sondern auch das ziemlich einmalige Gesellschaftsmodell der Sozialpartnerschaft zu exportieren. Ob das in China schon funktioniert hat, mag man nach jüngsten Erfahrungen bezweifeln. In Südafrika zum Beispiel, aber überraschenderweise auch in den USA ist es gelungen. Volker Perthes, der Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP, des wichtigsten deutschen politischen Thinktank, beschreibt das so: "Wenn das Image unseres Staates durch die Wirtschaft im Ausland positiv beeinflusst wird, ist die Politik dort vielleicht auch eher bereit, bei Konflikten auch einmal deutschen Rat oder sogar eine deutsche Vermittlung zu akzeptieren." Er schätzt die Werbewirkung der deutschen Unternehmen ziemlich nüchtern ein: "Die Wirtschaft, unser duales Ausbildungssystem, die Qualität unserer Produkte, das ist unser Aushängeschild. Wir können, mit Ausnahme der Technischen Universitäten, nicht mit unseren exzellenten Universitäten werben, da ist schon das Sprachproblem davor."

Die jüngsten Beispiele erfolgreicher Investitionen deutscher Unternehmen, die politisch begleitet wurden und die sich in ihrer Auswirkung als überaus positiv für das Erscheinungsbild Deutschlands erwiesen, fanden allerdings bei einem traditionellen Handelspartner, nämlich in den USA statt. Es waren 1994 der Aufbau des BMW-Werkes in Spartanburg in South Carolina, in einer Region hoher Arbeitslosigkeit, und der Bau des VW-Werkes in Chattanooga in Tennessee ab 2008. Auch dort stabilisierte der deutsche Investor eine strukturschwache Region. Als Präsident Barack Obama in seiner jüngsten State-of-the-Union-Message das deutsche berufliche Ausbildungssystem als beispielhaft lobte, reflektierte er damit auch die Erfahrungen von Spartanburg und Chattanooga.

Das Umdenken im Auswärtigen Amt begann 1992 in der Ära von Außenminister Klaus Kinkel. Er war der erste Amtschef, der seine Diplomaten mit Runderlassen zur internationalen Handelsförderung ermunterte. Die Zahl der Außenhandelskammern stieg seit damals, aber das Netz war immer noch nicht dicht genug, um die Expertise der deutschen Diplomaten weltweit ersetzen zu können. Für Kinkels Nachfolger, Joschka Fischer, hatte die Wirtschaft nicht die herausragende Bedeutung. Das lag natürlich vor allem am Balkankonflikt, der alles andere überlagerte. Aber schon Fischers Nachfolger, Frank-Walter Steinmeier, nahm den Faden wieder auf und verstärkte das Netzwerk. Der Sozialdemokrat hatte zuvor im Kanzleramt für Gerhard Schröder gearbeitet, der nicht nur der "Genosse der Bosse" war – er hatte Bill Clintons viel zitierte Devise "It's the economy, stupid" verinnerlicht und dachte Politik auch in wirtschaftlichen Dimensionen wie wohl kein Kanzler vor ihm.

Die Grenzen der Vernetzung

Guido Westerwelle forcierte die Entwicklung noch einmal. Vor wenigen Tagen lud er zum "II. Außenwirtschaftstag Architektur, Planen und Bauen" mehrere hundert Unternehmer in den Weltsaal des Auswärtigen Amtes und ermunterte seine Zuhörer so: "Deutschland ist nicht angesehen wegen seiner militärischen Stärke, sondern wegen des Erfolgsmodells seiner Wirtschaft. Wir haben uns früher als andere Ländern auf die Welt eingelassen. Das hat viel mit Tarifpartnerschaft zu tun, mit der mittelständischen Wirtschaft, die ein deutsches Erfolgsmodell ist. Wir haben auf die Globalisierung richtig reagiert – wir, das heißt Politik und Wirtschaft."