Das Ergebnis der Schweizer Volksabstimmung über die Begrenzung von Managergehältern ist auch im Ausland auf Aufmerksamkeit gestoßen. Die EU-Kommission kündigte eine ähnliche Gesetzesinitiative an. Bis Jahresende werde EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier einen Vorschlag dazu vorlegen, sagte dessen Sprecher. "Unser Vorschlag basiert ebenfalls auf einem verpflichtenden Beschluss [der Aktionäre], wie er gestern in der Schweiz angenommen wurde."

Auch in der EU müssten die Aktionäre die Verantwortung für die Vergütung tragen. Zudem gehe es darum, mehr Transparenz zu schaffen "bei individuellen Vergütungen, vor allem bei Top-Gehältern. Der Vorschlag würde alle börsennotierten Unternehmen umfassen. Erst in der vergangenen Woche hatten sich Europaparlament, EU-Kommission und EU-Staaten auf einen Kompromiss zur Begrenzung von Bonuszahlungen geeinigt.

Barnier hat bereits erste Unterstützer. Die Bundesregierung hält das Votum für einen "interessanten Vorstoß", wie ein Regierungssprecher sagte. "Es lohnt sich sicherlich, diesen Schweizer Ansatz genauer unter die Lupe zu nehmen." Auch Bundespolitiker von Koalition und SPD äußerten sich positiv. Koalitionsvertreter hoben eher die gestärkte Entscheidungsbefugnis der Aktionäre hervor, die Opposition lobte den Entscheid als "Mittel gegen Gehaltsexzesse". 

Schweizer Unternehmen in Sorge

Frankreich äußerte sich ebenfalls interessiert. Regierungschef Jean-Marc Ayrault sagte, es gelte, sich von der Volksabstimmung "inspirieren" zu lassen.

68 Prozent der Schweizer Wähler hatten sich am Wochenende für die "Volksinitiative gegen die Abzockerei" ausgesprochen. In Zukunft stimmen nun die Aktionäre börsennotierter Unternehmen jedes Jahr über die Vergütung von Verwaltungsräten und Geschäftsführung ab. Bisher war das Sache der Verwaltungsräte. Antritts- und Abgangszahlungen werden verboten. Bei Verstößen drohen Managern hohe Geldbußen und Freiheitsstrafen.

Schweizer Unternehmen äußerten sich besorgt. Das künftige Prozedere könnte dazu führen, dass eine Firma einen Spitzenmanager zwar anwerben kann, ihm seine Vergütung aber nicht wie bisher vertraglich zusichern. Topkräfte könnten in andere Länder abwandern, lautet die Kritik.

"Keine gute Entwicklung"

Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse etwa sieht in dem Abstimmungsergebnis ein "negatives Signal für den Wirtschaftsstandort Schweiz". Vor allem Spitzenmanager aus dem Ausland dürften es sich nun zweimal überlegen, ob sie bei einem Schweizer Konzern anheuern, hieß es. Der Verband hatte Millionen investiert, um mit einer Kampagne gegen die sogenannte Abzocker-Initiative anzukämpfen.

"Es ist keine gute Entwicklung, wenn sie einen Menschen anstellen wollen und ihm aber nicht sagen können, wie viel er verdienen wird", sagte der Präsident des internationalen Speditionskonzerns Kühne+Nagel, Karl Gernandt. "Die Schweiz hat sich da in eine fundamental nachteilige Situation gebracht." Auch die Führung des Standortvermarkters Greater Zurich Area befürchtet, dass börsennotierte Unternehmen abwandern.

In der Schweiz kommen viele Führungskräfte der großen, international ausgerichteten Unternehmen aus dem Ausland. So sind die Chefs von ABB, Credit Suisse, Nestle, Novartis, Roche und Swiss Re keine Schweizer.

Keinen Handlungsbedarf

Skeptisch ist auch die deutsche Industrie: Die Unternehmenspraxis sei im Vergleich mit der Schweiz zu unterschiedlich, die Sensibilität der Verantwortlichen bereits ausgeprägt. "In Deutschland besteht kein Bedarf für eine gesetzliche Neuregulierung", sagte Heiko Willems, Leiter der Abteilung Recht und Versicherung des Bundesverbands der deutschen Industrie BDI. Zudem seien die Gehälter der Vorstände im Schnitt niedriger. Bisher entscheidet in Deutschland der Aufsichtsrat über Vorstandsgehälter.

Ob die Sorgen der Schweizer Wirtschaft begründet sind, muss sich noch zeigen: Die Aktionäre vieler Schweizer Großfirmen sind zu großen Teilen ausländische Investoren. Ob Fondsmanager aus London oder den USA die Frage der Managergehälter genauso sehen wie Schweizer Wähler, die meistens Kleinaktionäre sind, bleibt abzuwarten. Fachleute führen an, Manager erhielten in der Schweiz noch immer mehr Geld als anderswo. Für Führungskräfte spielten außerdem Faktoren wie Lebensqualität, Stabilität oder geringe Steuern eine wichtige Rolle.