Hannes Rockenbauch musste dann doch kurz schlucken, als er am Dienstagnachmittag vom Beschluss des Bahn-Aufsichtsrats erfuhr. Das Gremium hatte in einer außerordentlichen Sitzung entschieden, Stuttgart 21 weiterzubauen. Das war zwar erwartet worden. Aber Rockenbauch hatte dennoch auf eine Überraschung gehofft.

"Diese Faktenresistenz nervt tierisch", sagt er am Tag danach. "Wir alle würden unsere Kraft lieber für den Bau eines Kopfbahnhofs einsetzen."

Damit spricht der 32-jährige Rockenbauch stellvertretend für die ganze Stuttgarter Anti-S21-Szene. Er darf das, so einfach aus der Hüfte schießend: Im Jahr 2011, als es auf die Volksabstimmung zuging, war er Sprecher des Aktionsbündnisses gegen den Tiefbahnhof. Er weiß, wie die Szene tickt und wie Politik funktioniert. Seit 2004 sitzt Rockenbauch im Stuttgarter Gemeinderat, seit 2009 als Chef der Fraktionsgemeinschaft SÖS-Die Linke.

Im Oktober vergangenen Jahres trat er sogar zur Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl an und erkämpfte 10,4 Prozent der Stimmen. Da war er längst schon als einer der Hauptredner der Protestszene bekannt, und als gut vorbereiteter Gegenspieler der Bahn in den Schlichtungsgesprächen mit Heiner Geißler.

"Es geht längst nicht mehr um Fakten"

Zu dem Beschluss des Bahnaufsichtsrats vom Dienstag hat Rockenbauch eine klare Meinung: "Bei dem Projekt geht es längst nicht mehr um Fakten, sondern um einen drohenden Gesichtsverlust." Vor allem Angela Merkel wolle im Südwesten Ruhe vor der Bundestagswahl. Das Bahnhofsthema solle "wahltaktisch rausgehalten werden".

Genau das wollen Rockenbauch und seine Mitstreiter verhindern. Es glaube doch kein Mensch, dass der neue Tiefbahnhof tatsächlich nicht mehr als 6,5 Milliarden Euro kosten werde, sagt er. "Immer im letzten Drittel des Baus werden Großprojekte explosionsartig teurer." Da könne der Aufsichtsrat beschließen, was er wolle, er bleibe dabei: "Das ist technisch und finanziell nicht beherrschbar und politisch nicht durchsetzbar."

Andere Mitglieder des Aktionsbündnisses sehen das ähnlich. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Baden-Württemberg zum Beispiel. "Mit aller Macht sollen neue Fakten geschaffen werden", sagt die Vorsitzende des BUND Baden-Württemberg, Brigitte Dahlbender. Durch das Bauprojekt würden bundesweit die Fahrkarten teurer und die Fahrpläne dünner, zum Schaden aller Bürger.

Strafanzeigen wegen Betrugs und Untreue

Der aktuelle Sprecher des Aktionsbündnisses, Eisenhart von Loeper, kündigt Strafanzeigen gegen den Vorstand der Bahn, den Aufsichtsrat und weitere "Drahtzieher des Projekts" an. Er beschuldigt sie der Untreue. Eine Anzeige hat Loeper schon Mitte Februar gestellt: Gemeinsam mit Dieter Reicherter, einem ehemaligen Richter am Stuttgarter Landgericht, zeigte er Bahnchef Rüdiger Grube und seinen Infrastrukturvorstand Volker Kefer bei der Staatsanwaltschaft Berlin an. Betrug und Untreue lauteten die Vorwürfe.

Hannes Rockenbauch ist überzeugt, dass der Widerstand gegen den Tiefbahnhof jetzt wieder erstarken wird. Der "Tunnelblick" der Bundespolitik sei für alle sichtbar, "ziviler Ungehorsam" legitimer denn je. "Das muss im Widerstand genau überlegt werden, was jetzt die richtigen Schritte sind", sagt Rockenbauch. Er will das Momentum dieser Tage "klug ausnutzen".

Er meint damit nicht nur neue Sitzblockaden. Rockenbauch will die Öffentlichkeit weiter aufklären und beharrlich für seine Argumente werben. Der Tiefbahnhof werde weniger leistungsfähig sein als das jetzige Konstrukt, sagt er. "Ein Ausstieg bleibt volkswirtschaftlich und infrastrukturell jederzeit lohnenswert, unabhängig von den Kosten."

Die Zeit drängt für die Gegner. Es ist ja nicht nur Bundestagswahl. Schon vorher, im Sommer, will die Bahn damit beginnen, ihre Tunnel in die Stuttgarter Halbhöhen zu treiben. Der zentrale Trog für den Tiefbahnhof soll bald ausgehoben werden.