Die Krise der 99 Prozent – Seite 1

Das Jahr 2008 war nicht nur das Jahr, in dem die Weltfinanzkrise ausbrach. Es war auch ein schlechtes Jahr für Yachtverkäufer und Luxusmodenhersteller. Ihren Kunden ging es ans Geld, die Börsenkurse fielen. Banker, die hohe Boni gewohnt waren, verloren ihren Job.

Nur: Das war einmal. Mittlerweile verkaufen sich Yachten wieder gut. Niemand hat sich von der Krise so schnell erholt wie die Reichen. Neue Daten zeigen, dass die Einkommen des obersten Prozents in den USA bereits vor drei Jahren wieder stiegen. Im Jahr 2009 also, als Amerikas Wirtschaft noch am Boden lag und die anderen 99 Prozent der Bevölkerung mit jedem Jahr weniger Geld auf dem Konto hatten.

Die Daten hat kein linker Think Tank erhoben. Sie stammen aus Berechnungen des Berkeley-Ökonomen Emmanuel Saez. Er wertet seit Jahren regelmäßig die Statistik der amerikanischen Steuerbehörde aus, anschließend bildet er aus den Zahlen zusammen mit dem Franzosen Thomas Piketty eine Datenreihe. Diese zeigt die Einkommensverteilung in den USA in den vergangenen acht Jahrzehnten. Die Berechnungen haben den beiden Forschern nicht nur einen Star-Status innerhalb der Ökonomengemeinde beschert. Sie haben in den USA auch eine Debatte über Gerechtigkeit und Chancengleichheit ausgelöst.

Die These der beiden Ökonomen: Die USA sind vom vermeintlichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu einem Paradies für Besserverdiener geworden. Und die Finanzkrise hat das Land noch weiter in eine große Verlierergruppe und einen Kreis weniger Gewinner gespalten. Jüngste Zahlen vom Januar dieses Jahres zeigen, dass der Großteil der Bürger rund zwölf Prozent weniger zur Verfügung hat als noch vor fünf Jahren. Das obere Prozent der Einkommensskala verbuchte im gleichen Zeitraum elf Prozent mehr Einkommen. Anders gesagt: Der zaghafte Aufschwung der amerikanischen Wirtschaft kam lediglich den Reichen zugute.

Die Krise, in der Milliarden vernichtet wurden, hat den Trend zu einer stärkeren Spreizung der Einkommen nur kurz gebrochen. Während in den Jahren von 1945 bis 1970 die reichsten zehn Prozent der Amerikaner im Durchschnitt 30 Prozent des Gesamteinkommens verdienten, stieg dieser Anteil in den folgenden Jahren stark an. Bereits 2007 sicherten sich die obersten zehn Prozent schon fast die Hälfte des gesamten Einkommens. "Das ist die höchste Einkommenskonzentration seit Beginn der Statistik 1917", schreibt Saez in dem aktuellen Arbeitspapier.

Börsen erholen sich schneller als der Arbeitsmarkt

Das liegt auch daran, dass Besserverdiener mehr Einkommen aus Geldanlagen beziehen als die Angehörigen der Mittelschicht oder arme Menschen. Die Börsen erholen sich generell schneller von Krisen als der Arbeitsmarkt. Der Dow Jones Index liegt fast wieder auf dem Niveau vor der Krise, die Arbeitslosenquote beträgt jedoch noch immer mehr als acht Prozent. Hinzu kommt: Wohlhabende und gut ausgebildete Menschen können sich eher von der schlechten Arbeitsmarktlage abkoppeln. Sie profitieren von der Globalisierung, denn hochqualifizierte Arbeitskräfte werden in einer Welt mit freien Handelsströmen mit hohen Löhnen belohnt.

Doch nicht nur Marktkräfte haben die Einkommen der Reichen angehoben. Auch die Politik hat kräftig nachgeholfen. Weil sie den Finanzmarkt dereguliert hat, konnten die Banken überhaupt erst ihre gigantischen Boni und Gehälter zahlen. Auch in anderen Ländern geht seit Jahren die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander. 2011 zeigte eine Studie der OECD, dass in den meisten Industriestaaten die Einkommen mittlerweile sehr ungleich verteilt sind. Auch Deutschland ist laut den OECD-Daten seit Mitte der 1980er Jahre zu einem immer ungleicheren Land geworden. Die Einkommen der reichsten zehn Prozent der Bevölkerung stiegen zwischen 1985 und 2008 pro Jahr um 1,6 Prozent und damit fast doppelt so schnell wie die der restlichen Bevölkerung.

"Ungleichheit ist nicht nur ein Gerechtigkeitsproblem"

Daran hat auch die Krise nur bedingt etwas geändert. Die Einkommen von Top-Verdienern brachen zwar 2009 auch in Deutschland regelrecht ein, wie eine Gehaltsstudie des Beratungsunternehmens Personalmarkt zeigt. Doch sie erholten sich auch schnell wieder. Während der Großteil der Arbeitnehmer in Deutschland in den vergangenen Jahren Kaufkraft verloren hat, weil die Löhne langsamer stiegen als die Inflation, können sich Führungskräfte heute mehr leisten, zeigen die Personalmarkt-Daten. Allerdings gab es zuletzt Hinweise darauf, dass die Ungleichheit in Deutschland wieder leicht sinkt. Ein Grund: Die gute Lage am Arbeitsmarkt hat mehr Menschen in Jobs gebracht, und ihnen damit ein besseres Einkommen beschert.

Dass die Gesellschaften in vielen Ländern immer ungleicher werden, fanden viele Ökonomen lange Zeit unproblematisch. Einige argumentierten, eine gewisse Ungleichheit sei eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Marktwirtschaft. Harte Arbeit müsse mit steigendem Reichtum belohnt werden, sonst stimmten die Anreize nicht. Diese Ansicht teilen inzwischen immer weniger Ökonomen. "Ungleichheit ist nicht nur ein Gerechtigkeitsproblem, sondern kann auch rein ökonomisch betrachtet negative Folgen haben", sagt etwa auch der deutsche EZB-Direktor Jörg Asmussen.

Er beruft sich auf zwei Ökonomen des Internationalen Währungsfonds. Sie konnten 2011 in einer Studie zeigen, dass in den Ländern, in denen die Einkommen besonders ungleich verteilt sind, die Wirtschaft deutlich langsamer wächst als in vergleichbaren Staaten mit einer ausgeglicheneren Einkommensverteilung. Das Ausmaß der Ungleichheit ist für das Wachstum sogar wichtiger als Handelsbeziehungen, der Wechselkurs, die Qualität der politischen Institutionen oder die Höhe der ausländischen Investitionen.

Über die Gründe für dieses Phänomen konnten die IWF-Forscher nur spekulieren. Die Daten selbst ließen keine Erklärungen zu. Ein möglicher Schluss: In Entwicklungs- und Schwellenländern könnte eine ungleiche Verteilung des Reichtums die politische Stabilität gefährden und zu gewalttätigen Aufständen oder Bürgerkriegen führen, die das Wachstum einbrechen lassen.

In hochentwickelten Industriestaaten sind die Wirkungen der Ungleichheit subtiler. Weniger zerstörerisch sind sie nicht. Der Häuserpreis-Boom in den USA war auch eine Folge der staatlich verordneten Kreditvergabe an Geringverdiener. Den Abgehängten sollte mit neuen Häusern und Konsum auf Pump Wohlstand vorgegaukelt werden, damit sie die immer weiter steigenden Einkommen der Reichen akzeptierten.

Seit der Finanzkrise ist diese Illusion zerstört. Der Großteil der Bevölkerung kann den eigenen Abstieg jeden Tag auf dem Kontoauszug verfolgen. Der amerikanische Aufstiegsmythos ist für sie nur noch eben das: ein reiner Mythos. Mit dem Tod dieser Idee aber, warnen Ökonomen wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, ist viel mehr gefährdet als die wirtschaftliche Dynamik: Wenn die Bevölkerung nicht mehr daran glaubt, dass Politik und Wirtschaft ihnen zu einem besseren Leben verhelfen, steht die Legitimität des Systems auf dem Spiel.