Wofür das alles? Wofür die Rentenkürzungen, die Entlassungen, die gestrichenen Sozialleistungen? Wofür, wenn die Krise immer weitergeht? Vor allem in den Südländern wie Griechenland und Portugal sind diese Fragen nun öfter zu hören. Obwohl die Länder in Europa so hart sparen wie nie zuvor, steigen ihre Staatsschulden immer weiter. Die europäische Statistikbehörde Eurostat hat es erst am Montag vorgerechnet: Die Staatsschulden im Süden sinken nicht etwa, wie es in einer Schuldenkrise notwendig wäre. Sie steigen drastisch.

Besonders schwerwiegend ist die Lage in Griechenland. Kein anderes Land hat in den vergangenen Jahren so sehr versucht, aus den roten Zahlen zu kommen. Seit dem Ausbruch der Schuldenkrise hat die Politik Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen in einem Volumen von 20 Prozent der Wirtschaftsleistung beschlossen, wie eine Studie der irischen Notenbank 2012 zeigt. Es war das härteste Sparprogramm der Geschichte. Bloß: Es hat bisher nicht gewirkt. Die Neuverschuldung stieg 2012 um 0,5 Prozentpunkte und beträgt nun zehn Prozent der Wirtschaftsleistung. Eigentlich soll das Land bis zum Jahr 2016 seine Neuverschuldung auf drei Prozent gesenkt haben. Das wird nicht zu schaffen sein.

Auch Portugal hat hart gespart. Die Politik erhöhte die Steuern und kürzte Sozialleistungen. Gleichzeitig keimte etwas Hoffnung auf, die Wirtschaft schien wieder etwas auf die Beine zu kommen. Einige Unternehmen feierten Exporterfolge, die Handelsbilanz hat sich im Laufe des vergangenen Jahres deutlich verbessert. Gegen die Schulden scheint aber auch das nicht zu helfen. Die Neuverschuldung stieg im vergangenen Jahr um zwei Prozentpunkte.

Die Sparpolitik sei an ihre Grenze gestoßen, sagt nun auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Es ist ein bemerkenswerter Richtungswechsel. Es war schließlich auch Barroso, der die harten Sparprogramme verteidigt hat, die den Krisenstaaten im Gegenzug zu den Hilfskrediten aufgebürdet wurden. Nun scheint sich jedoch die Erkenntnis durchzusetzen, dass bei der Krisenbekämpfung der Europäer etwas grundlegend falsch läuft.

Vor allem Deutschland vertrat bisher die Ansicht, dass das Wohlfahrtsniveau in den Krisenstaaten künstlich aufgebläht war – durch hohe Staatsschulden oder wie in Spanien durch hohe private Schulden. Die Volkswirtschaften müssten deshalb eine Weile lang schrumpfen, wenn sie ihre Haushaltsdefizite abbauen. Irgendwann würden die Schulden sinken und die Lage sich entspannen. Das Problem ist nur: Davon ist auch nach drei Jahren nichts zu spüren.

Ökonomen kennen das Problem dahinter schon lange. Wenn der Staat seine Ausgaben senkt und Steuern erhöht, verringert das kurzfristig seine Einnahmen. Oft löst ein Sparprogramm eine handfeste Rezession aus. Die Wirtschaft schrumpft, weil Unternehmen wegen der höheren Steuerbelastung Arbeitsplätze abbauen und die Verbraucher weniger Geld auf dem Konto haben, um damit einkaufen zu gehen. Das alles wussten auch die Rettungspolitiker als sie mit Griechenland und Portugal über Sparprogramme verhandelten. Bloß haben sie den Effekt massiv unterschätzt.

Das belegt eine interessante Textstelle im World Econonomic Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom vergangenen Oktober. Darin ging es um den sogenannten fiskalischen Multiplikator. Die Zahl zeigt an, wie stark die Wirtschaftsleistung zurückgeht, wenn der Staat spart. Der IWF glaubte lange Zeit, dass der Multiplikator bei rund 0,5 liegt.

Die Wirtschaftsleistung würde also nur um 50 Cent sinken, wenn der Staat einen Euro weniger ausgibt. Die Erklärung hinter dieser Annahme: Geht der Staat sein Schuldenproblem an, trauen sich Unternehmen wieder mehr zu investieren, weil sie nicht mehr fürchten müssen, dass bald die Steuern steigen. Ein Teil der ausbleibenden Staatsnachfrage wird auf diese Weise kompensiert.

Heute kommen die IWF-Ökonomen zu anderen Ergebnissen. Der Multiplikator liege in der Euro-Krise deutlich höher und könne sogar Werte bis 1,7 erreichen, schreiben sie. Das hieße, dass jeder vom Staat eingesparte Euro die Wirtschaftsleistung um 1,70 Euro verringert. Sparprogramme lösen also einen gefährlichen Teufelskreis aus. Wenn die Wirtschaft immer weiter einbricht, sinken auch die Steuereinnahmen des Staates. Er muss dann mehr Geld für Sozialleistungen wie etwa Arbeitslosengeld ausgeben. Es wird also immer schwieriger das eigentliche Ziel des Sparprogramms zu erreichen: das Haushaltsdefizit zu schließen und Schulden zurückzuzahlen.