Manche Bauern in Niedersachen denken, dass sie eine Lösung für das Problem haben. Sie bauen im großen Stil Mais an, den sie anschließend in Biogasanlagen vergären, um so Ökostrom herzustellen. Der Mais ist robuster als andere Ackerpflanzen, auch die beständige Gülledusche kann ihm wenig anhaben. Die Bauern profitieren zweifach: Einerseits werden sie ihre Gülle los. Andererseits kassieren sie die Ökostromvergütung, die der Staat für Strom aus den Biogasanlagen zahlt, inklusive Güllebonus. Rund 1.480 Anlagen gibt es in Niedersachsen, in keinem anderen Bundesland sind es mehr.

Das Problem ist nur, dass die Natur durch den vielen Mais durcheinander gerät. Die Mais-Wüsten wirken sich auf die Artenvielfalt aus. Allein seit 1990 ist die Zahl der Vogelarten um 40 Prozent gesunken. Eine wirkliche Lösung, um das Gülleproblem zu lösen, sind die Biogasanlagen nicht.

Einige Regionen versuchen deshalb, ihre Gülle zu loszuwerden und sie dorthin zu bringen, wo der Boden Nährstoffe braucht. Davon profitieren Geschäftsleute wie Edelhard Brinkmann, ein Güllehändler aus Vechta. Auf seinen 42 dunkelblauen Transportern prangt in großen gelben Lettern "Güllebank Weser–Ems". Brinkmann kauft Gülle auf und verkauft sie weiter. Die Preise variieren, zwischen 5 und 25 Euro je Kubikmeter zahlt er den Landwirten. 

Jetzt, im Frühjahr, herrsche ein harter Wettbewerb, die Nachfrage nach Gülle aus anderen Regionen Deutschlands überschreite das Angebot, sagt Brinkmann. "Die Händler schlagen sich fast um die Gülle". Manchmal aber ist es andersherum: Im Winter, wenn die Gülle nicht raus aufs Feld darf und die Güllesilos voll sind, kann es sein, dass die Viehhalter für die Entsorgung zahlen müssen. Brinkmann beliefert Kunden in ganz Deutschland, bis zu 800 Kilometer fährt er, ins Weserbergland oder nach Magdeburg.

"Krankhaftes Wirtschaften"

"Das ist doch krankhaftes Wirtschaften", sagt Greenpeace-Agrarfachmann Martin Hofstetter. Früher habe ein Landwirt nur so viele Tiere gehalten, wie er mit Futter von der eigenen Fläche versorgen konnte. Auf der habe er auch Gülle und Mist ausgebracht – so machen es heute nur noch die Biolandwirte. Inzwischen produzieren die großen Viehhalter dagegen bodenunabhängig. Um das zu beenden, müsse man die anfallende Güllemenge reduzieren – also de facto die Zahl der Tiere. "Der Wegtransport ist keine Lösung", sagt Hofstetter.

Tatsächlich  aber werden die Gülle-Transporte sogar noch zunehmen. Bund und Länder planen zurzeit eine Verschärfung der Düngeverordnung. Bislang galten vergorene Maisreste aus Biogasanlagen, welche die Landwirte auch aufs Feld bringen, nicht als Dünger. Das soll sich jetzt ändern, schließlich sind sie auch Nährstoffe, nur eben pflanzliche. Auch die Maisreste sollen jetzt wie Gülle behandelt werden. Das bedeutet: Die Landwirte können noch weniger ausbringen. Einen entsprechenden Gesetzesantrag haben Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen im April im Bundesrat eingebracht. "Wir müssen für eine rasche und effektive Stickstoffminimierung sorgen", sagt der grüne Umweltminister in Schleswig-Holstein, Robert Habeck. "Warum sollte man, wenn man über Nitrateinträge redet, einen großen Teilbereich aus der Betrachtung ausklammern?"

Die Idee hat jedoch weitreichende Folgen. Der Agrarexperte Friedhelm Taube von der Uni Kiel hat den Vorschlag durchgerechnet. In Schleswig-Holstein würde sich das Stickstoff-Aufkommen um 20 Prozent erhöhen. Es sei klar, dass Milchvieh- und Biogasbetriebe im Fall einer Verschärfung "in erheblichem Umfang Gülleexporte in Ackerbauregionen vornehmen" müssten, schreibt er in einer aktuellen Kurzstudie.

Für Torsten Smit von ODAS wäre das ein gutes Geschäft. Er hat inzwischen sogar ein eigenes Gerät für kostengünstigere Transporte entwickelt. Der "Seperator" entzieht der Gülle das Wasser, schließlich besteht sie zu 90 Prozent daraus. Und Wasser durch Deutschland zu fahren, das rechnet sich auch für Smit nicht.

Anmerkung 31.5.2013: Der Einstieg wurde leicht geändert, um deutlicher zu machen, dass es zu dem Gülletransport per Schiff kam, weil es die Nachfrage nach Gülle aus einer weit entfernten Region gab. (muk)