ZEIT ONLINE: In Peking wohnen rund zwei Millionen Menschen unter der Erde, manche Zimmer sind nur zwei Quadratmeter groß. Wie kommt es dazu?

Annette Kim: Es handelt sich um Keller und frühere Luftschutzbunker, die umgerüstet wurden. Im Untergrund kann man in sehr teuren Gegenden unglaublich günstig wohnen. Die Hälfte der von uns erfassten Zimmer kostet weniger als 64 Dollar im Monat. Das sind rund 15 Prozent des durchschnittlichen Gehalts der Mieter.

ZEIT ONLINE: Sie nennen die unterirdischen Wohnungen deswegen "eine Art ungeplantes soziales Wohnungsprojekt".

Kim: Stadtplaner stehen immer vor dem Problem, erschwinglichen Wohnraum in den Zentren zu schaffen. Die modifizierten Keller und Bunker machen das möglich. Allerdings noch unter zu schlechten Bedingungen.

ZEIT ONLINE: Wer zieht denn unter die Erde?

Kim: Die Bewohner gehören nicht zu den Ärmsten der Stadt. Es sind Studenten und Geringverdiener, wie beispielsweise Kellner, Verkäufer und Haushaltshilfen. Ein Großteil hat mehrere Jobs. Sie profitieren von kurzen Arbeitswegen. Würden sie in der Peripherie wohnen, wären sie Stunden unterwegs.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn keine Alternative, zentralen Wohnraum für Menschen mit niedrigem Einkommen zu schaffen?

Kim: Man kann natürlich Wohnungen im Stadtzentrum nur für armen Menschen bauen oder sie für diese reservieren. Das versuchen auch viele Städte, aber die Preise steigen nach einer gewissen Zeit meistens. Eine andere Möglichkeit ist, die Wohnungen weit außerhalb zu bauen. Aber dann ist es viel schwieriger für die Menschen einen lukrativen Job zu finden.

ZEIT ONLINE: Wie sahen die Keller aus, die Sie betreten haben?

Kim: Ich hatte katastrophale Verhältnisse erwartet. Aber in vielen der Keller ist es außerordentlich sauber und die Unterkünfte sind sehr gut organisiert, zum Beispiel die Müllentsorgung. Die Menschen haben die Wände dekoriert. Es gibt Wasser, Internet und Elektrizität. Vor manchen Eingängen stehen Sicherheitsleute.

ZEIT ONLINE: Leben nur in Peking Menschen unter der Erde?

Kim: Nein. Zwar ist nirgends der Markt so groß wie in Peking. Aber wir sehen eine ähnliche Entwicklung überall dort, wo viele Menschen in einem kurzen Zeitraum in eine Stadt ziehen und die Leute nicht genügend Geld für eine normale Unterkunft haben.

ZEIT ONLINE: Ist das unterirdische Leben in Peking also die Zukunft?

Kim: Das könnte sein. In Asien werden in manchen Städten riesige Einkaufszentren im Untergrund gebaut. Die Städte werden immer größer und die Menschen wollen im Zentrum wohnen. Wir werden höher bauen – aber eben auch tiefer. Wir müssen uns dafür lediglich noch gute Designs und Konzepte ausdenken.

ZEIT ONLINE:  Kann man Menschen wirklich zumuten, dass sie unter der Erde leben müssen?

Kim: Das frage ich mich auch oft. Der Wohnraum ist natürlich so günstig, weil niemand da unten leben möchte. Mittlerweile denke ich, dass man menschenwürdige Bedingungen schaffen kann. Die Variation ist groß, es kommt auf die Unterkunft an. In manchen Kellern sind die Bedingungen besser als in vielen anderen Unterkünften in Peking.

ZEIT ONLINE: Also alles in Ordnung?

Kim: Absolut nicht. Es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit, die Belüftung ist schlecht. Viele Keller haben nur mangelhafte Sicherheitsstandards gegen Brände oder Überschwemmungen. Wir sprachen mit einer Studentin vom Land, die es nur ein paar Tage aushielt. Genau deswegen müssen wir mehr über die Zustände und den Markt erfahren. Wir wollen bessere Bedingungen ermöglichen.