Neue Umfragedaten aus Amerika: Die Europäische Union hat binnen eines Jahres gehörig an Kredit bei den Bürgern eingebüßt. Nur noch 45 Prozent unterstützen die EU, vor einem Jahr waren es noch 60 Prozent. In Deutschland sind es immerhin noch mehr als die Hälfte der Befragten. In den anderen sieben EU-Staaten lehnen die Bürger die EU mehrheitlich ab. Ermittelt hat die Zahlen das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Pew mit Sitz in Washington. Die Autoren sprechen in ihrem Bericht vom "kranken Mann Europas". Sie warnen: Dem gemeinsamen EU-Projekt komme in der Krise die Legimitation abhanden.

 

Die Zahlen sind aus zwei Gründen mit etwas Vorsicht zu genießen. Die Befragung fand im März 2013 statt, als Zypern wankte und die Euro-Politiker hastig Rettungspakete schnüren mussten. In diese Zeit fiel auch der extrem unpopuläre Plan, die Kleinsparer an der Rettung des Landes zu beteiligen. Gut möglich, dass die Ergebnisse ein paar Monate früher oder später anders ausgefallen wären.

Hinzu kommt: Die Autoren befragten rund 7.600 Menschen in lediglich acht EU-Ländern (darunter das EU-Gründungstrio Deutschland, Frankreich und Italien, aber auch Großbritannien, Spanien, Griechenland, Polen und Tschechien). Viele Bürger – etwa in den neuen Mitgliedsländern – kamen nicht zu Wort.

Dennoch decken sich die Zahlen mit etwas älteren, umfangreicheren Daten. Im Euro-Barometer der EU-Kommission werden die Menschen aller 27 Mitgliedsstaaten regelmäßig zu ihrer Meinung im Hinblick auf europäische Institutionen gefragt. Im vergangenen August sagten hier nur 40 Prozent der Bürger, dass sie ein positives Bild von der EU hätten. Allerdings machte das Barometer eine leicht steigende Zustimmung in den meisten Mitgliedsstaaten aus – entscheidend scheint zu sein, wie man fragt. 

Dennoch bleibt: Die EU ist unpopulär, erst recht in der Krise, in der sich die Institutionen neu ordnen und regelmäßig versagen.

Es gibt aber noch drei weitere Punkte, welche die aktuelle Pew-Studie interessant machen.

Erstens: Die desolate Lage Frankreichs. In keinem anderen Land ist den Daten zufolge die Frustration über die wirtschaftliche Lage größer. Die Schuld suchen die Franzosen offenbar mehrheitlich bei der EU: Die Zustimmung zu Brüssel sank im Vergleich zum Vorjahr um 19 Prozentpunkte. Ein weiterer Beleg dafür, dass der einstige Motor – die Achse Frankreich/Deutschland – innerhalb der EU schwächelt.

Die Länder entfernen sich voneinander. Paris sucht den Schulterschluss mit den Südstaaten, Berlin findet Unterstützung im ökonomisch stabilen Norden. Während Deutschland die Krise relativ gut meistert, fällt Frankreich zurück. Das bemerken natürlich auch die Bürger: Die Umfrage ist eine Ohrfeige für den Präsidenten François Hollande: 91 Prozent der Befragten beurteilen die wirtschaftliche Lage negativ, das sind zehn Prozentpunkte mehr als noch im Vorjahr. 

Zweitens: Die Deutschen scheinen doch nicht so viel Angst vor Inflation zu haben wie oft gedacht. Nur 31 Prozent sagen in der Studie, dass Preissteigerungen für sie ein sehr großes Problem seien. Das ist erstaunlich wenig, wenn man bedenkt, wie groß das Trauma sein soll, das den Deutschen nach der Hyperinflation 1923 nachhänge. 

Deutsche sorgen sich um Ungleichheit, nicht um Inflation

Viel wichtiger finden die Befragten hingegen die wachsende, ökonomische Ungleichheit: Rund 51 Prozent halten diese für problematisch. Ebenfalls interessant: Inflation verunsichert eher die Griechen und Spanier – und das, obwohl  Griechenland in einer tiefen Deflation steckt und die niedrigsten Preissteigerungen in der EU verzeichnet.   

Drittens: Offenbar sehen viele Bürger den Sparkurs gar nicht so kritisch. Der Studie zufolge unterstützt eine Mehrheit der Bevölkerung in den Krisenstaaten den Sparkurs ihrer Regierungen – zumindest wenn man sie vor die Alternativen stellt: Sparen oder Mehrausgaben. Nur etwa ein Drittel der Befragten plädiert für Mehrausgaben. Allerdings machen die Fragesteller hier einen Gegensatz auf, den der Großteil der Bevölkerung wohl kaum so sieht. Die Einsicht, dass gespart werden muss, mag auch in den überschuldeten Südstaaten da sein. Nur wo und wie, darum dreht sich der Streit. In der Umfrage aber steht davon kein Wort.