Wo es schmerzt und knirscht, weil die Fußball-WM nach Brasilien kommt, das weiß Dawid Bartelt ganz genau. Er ist Chef der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro. Dort geben die Behörden astronomische Summen für die neuen Stadien aus, während zugleich die Mieten ins Unbezahlbare steigen, Bürger ihre Wohnungen verlieren und Favelas geräumt werden, um Stadtviertel vor dem Großereignis aufzumotzen. In anderen Städten ist die Lage ähnlich.

Die Stadt als Event, das sei das Leitbild der behördlichen Planung, sagt Bartelt. Um die Bedürfnisse der Bürger gehe es da weniger. Die Erkenntnis ist für ihn nicht neu. Dennoch muss auch Bartelt eingestehen: "Das Ausmaß der Proteste hat uns überrascht." Zeitweise gingen Hunderttausende Menschen auf die Straßen.

Das liegt nicht nur an den gestiegenen Preisen für den öffentlichen Nahverkehr, an denen sich die ersten Demonstrationen entzündeten. Unter den Brasilianern macht sich das Gefühl breit, von einer verschwendungssüchtigen, korrupten Politik vergessen worden zu sein. Jetzt verlangen sie, dass die Politik sich wieder um sie kümmert.

Das scheint paradox: War Brasilien nicht das Land, dessen Regierung in den vergangenen Jahren so viele Menschen aus der Armut holte? In dem es praktisch keine Arbeitslosigkeit gibt? In dem, so die offizielle Lesart, inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung zur Mittelschicht gehört, also ein Auto hat, Flugreisen unternimmt und die Kinder auf bessere Schulen schickt? Glaubt man Marcelo Neri, dem Chefökonomen der Regierung, müssten die Brasilianer – trotz aller berechtigten Klagen über die Mängel des Aufschwungs – sehr zufrieden sein. 

Doch die neue Mittelschicht stellt Ansprüche an die Politik, die diese offenbar nicht schnell genug erfüllen kann. So gesehen seien die Proteste eine Folge des Fortschritts, sagt Helmut Reisen. Er arbeitete lange als Entwicklungsökonom für die OECD und betreibt heute ein Beratungsunternehmen in Berlin.

Der Wohlstand der Welt, sagt Reisen, verlagere sich immer stärker zu den Schwellenländern. "Dort gibt es jetzt eine Mittelschicht, die gut vernetzt ist und mehr Mitspracherecht in der Politik fordert." Im Deutschland der 1960er Jahre sei das so ähnlich gewesen: "Nach dem Wirtschaftswunder kam die Studentenrevolte." Und heute protestierten eben die Mittelschichtskinder in Brasilien und der Türkei.

Hohe Steuern, kaum Gegenleistung

Die Brasilianer haben aber auch handfeste Gründe, auf die Straße zu gehen. Sie zahlen hohe Steuern, und der Staat gibt dafür wenig zurück. Die Polizei kämpft erfolgslos gegen die Kriminalität. Die Inflationsrate stieg zuletzt auf mehr als sechs Prozent, gerade die Lebensmittelpreise steigen. Die Straßen sind marode oder verstopft, gute Schulen und eine umfassende Krankenversorgung für viele Bürger unbezahlbar.

"Die sozialdemokratische Regierung schafft es nicht, Grundschulen und eine Basisgesundheitsversorgung von angemessener Qualität bereitzustellen. Das ist eigentlich ein Skandal", sagt Bartelt von der Böll-Stiftung. Wer einen guten Arzt braucht oder die Kinder auf eine bessere Schule schicken möchte, muss in Brasilien zu privaten Anbietern gehen. Die lassen sich ihre Dienste teuer bezahlen. Selbst die viel gerühmte neue Mittelklasse kann sich das oft nicht leisten.

Am stärksten treffen die Versäumnisse der Politik aber die Armen. Nach Angaben der Böll-Stiftung zahlen Geringverdiener mehr als die Hälfte ihres Einkommens als Steuern. Unter den Buspreiserhöhungen leiden die Ärmeren besonders. Sie wohnen oft außerhalb der Stadt und sind auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. Rabatte, beispielsweise in Form eines Monatstickets, gibt es aber praktisch nicht: Jede einzelne Fahrkarte kostet.