Mythos 5: Es gibt genug Parallelgesellschaften in deutschen Städten. Kommen mehr Einwanderer, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet.

Jeder kennt die Straßenzüge in Berlin-Neukölln, Hamburg-Wilhelmsburg oder Duisburg-Marxloh: Straßen, in denen alle Läden türkisch sind und Frauen mit Kopftuch herumlaufen. Diese Bilder werden oft mit der Vorstellung verknüpft,  hinter den Wohnungs- und Moscheetüren habe sich eine autonome fremde Gesellschaft gebildet, die ihren eigenen Regeln folgt.

Der Historiker Jochen Oltmer findet jedoch schon das Wort falsch. Parallelgesellschaft sei ein Kampfbegriff, sagt er. Meist seien damit nur türkische-muslimische Communitys gemeint. Die Elite, die in Dahlem oder Blankenese unter sich bleibt und deren Mitglieder sich gegenseitig Vorteile verschaffen, wird nicht so bezeichnet. Freiwillig ist die Konzentration der ungebildeten, armen Einwanderer in bestimmten Stadtteilen ohnehin nur bedingt. Sie brauchen bezahlbare Wohnungen. Und natürlich leben nicht nur Türken und Muslime in Neukölln. Eigene Schiedsgerichte oder Schulen gibt es sehr selten. Die meisten türkischstämmigen Einwanderer nutzen die deutschen Institutionen und arbeiten in deutschen Firmen.

Tatsächlich aber nutzen Einwanderer soziale oder ethnische Netzwerke, denn es  nützt ihnen. Der Politikwissenschaftler Thomas Meyer spricht von einer "hilfreichen Schleusenfunktion". Bereits hier lebende Verwandte oder Freunde erklären, zu welcher Behörde die neu Eingewanderten gehen müssen, wie man eine Wohnung findet. Sie sprechen die gleiche Sprache und sorgen für ein wenig Geborgenheit in der Fremde. Oltmer sagt, diese Netzwerke seien charakteristisch für Migration, sogar verantwortlich für ihr Ausmaß. Man denke an Kolonien in New York wie Little Italy, Little Germany oder China Town.

Nur wenn das Netz sehr groß ist, die Einwanderer einheitlich aus einer ungebildeten armen Schicht kommen und sie sich von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert fühlen, kann das für sie zur Falle werden, sagt Meyer. Die neuen Migranten lernen nicht Deutsch, können ihren Kindern in der Schule nicht helfen, sie konsumieren nur türkischsprachige Medien. Eine Spirale entsteht, die die Einwanderer am Aufstieg und an der Integration in die Mehrheitsgesellschaft hindert. Wer arbeitslos ist, verkehrt nur noch mit Arbeitslosen, der Hilfsarbeiter mit Hilfsarbeitern. 

Besteht also die Gefahr, dass sich neue Kolonien bilden? Neue Einwanderer in Deutschland kommen zu 60 Prozent aus europäischen Ländern. Polen, Rumänen und Bulgaren nutzen natürlich ihre Netzwerke. Spanische Studenten ziehen in eine WG mit befreundeten Spaniern. Doch diese Netze werden sich nicht zu sogenannten Parallelgesellschaften verfestigen. Die meisten der aktuellen Einwanderer sind gebildet – und "je höher der Bildungsgrad, desto größer ist die Tendenz, dass sich Kolonien wieder auflösen", sagt Oltmer. Auch die Gefahr, dass sich sogenannte Parallelgesellschaften von ungebildeten Bulgaren und Rumänen bilden, sei nicht sehr groß. Viele der Einwanderer bleiben nicht lange in Deutschland, sagt Oltmer, und sie sind zu wenige, um eigene Kolonien zu bilden.

Von Parvin Sadigh