Es ist ein kompliziertes Dokument, unterteilt in zahlreiche Unterpunkte. Irgendwo versteckt auf Seite sechs unter dem Punkt 3cab (i), so sah es zumindest ein Richtlinien-Entwurf vor, findet sich ein Detail, über das die Finanzminister bis ein Uhr morgens gestritten haben: acht Prozent.

Seit Monaten schon beraten sie darüber, in welcher Form kriselnde Banken abgewickelt werden können und welche Regeln dabei gelten sollen. Nun ist klar: Aktionäre und Gläubiger einer Bank sollen mit mindestens acht Prozent der Verbindlichkeiten zur Bankenrettung beitragen. "Bail-In" nennt das die Fachwelt.

"Wir haben eine klare Haftungskaskade erreicht", sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nach der fast achtstündigen Sitzung in Brüssel am frühen Donnerstagmorgen. Man habe um viele Details ausführlich gerungen, sei aber froh, eine "politische Übereinstimmung" getroffen zu haben. Es gelte das "Prinzip, dass wir in Zukunft, wenn Banken in Schwierigkeiten geraten, nicht die Steuerzahler in erster Linie bezahlen lassen." So groß muss die Erleichterung über die Einigung gewesen sein, dass die Finanzminister am Ende der Sitzung sogar applaudierten.

Die Hoffnung, die hinter der formalisierten Haftungsreihenfolge steckt, ist simpel: Wenn Gläubiger und Aktionäre damit rechnen müssen, am Ende ihr Kapital zu verlieren, werden sie es risikobewusster einsetzen. Und das bedeutet wiederum, dass Banken weniger riskante Geschäfte machen, um ihre Kunden nicht zu verprellen.

Erst vergangene Woche hatten die Minister stundenlang über die Richtlinie zur Bankenabwicklung gerungen – und waren doch nach einer Marathonsitzung von 19 Stunden unverrichteter Dinge wieder auseinander gegangen. Die Richtlinie zur Bankenabwicklung, über die sie so lange beraten haben, sie wird am Ende das Ergebnis zahlreicher Nachtsitzungen sein.

EU will Bankenaufsicht übernehmen

Die jetzige Einigung ist wichtig, weil die Bankenabwicklung eine der entscheidenden Säulen auf dem Weg zu einer Bankenunion ist. Die wiederum braucht es, um die Euro-Krise zu überwinden. Schließlich waren es, neben überschuldeten Staaten, auch kriselnde Banken, die Europa ins Trudeln brachten. Die EU will nun die Bankenaufsicht in Europa übernehmen – und das bedeutet am Ende auch, dass es klare Spielregeln gibt, wie Banken eigentlich abgewickelt  werden sollen.

Der Plan ist, Aktionäre und Gläubiger stärker in die Verantwortung zu nehmen als bisher. Der Knackpunkt ist nur: Wie viel sollen sie beitragen? Das sind Fragen, die bereits im April die Finanzminister umtrieben, als der zyprische Bankensektor kollabierte. Erstmals wurde damals festgezurrt, dass auch reiche Sparer und Konteninhaber einen Beitrag zur Rettung einer Bank leisten müssen. Sparer mit einem Vermögen von weniger als 100.000 Euro bleiben verschont.

Schäuble: "Klare Haftungskaskade"

Auch wenn Finanzminister Schäuble  von einer "klaren Haftungskaskade" spricht, bleibt vieles noch unklar und muss bis Ende des Jahres noch mit dem Europaparlament und der Kommission ausverhandelt werden. Es gibt zahlreiche Ausnahmemöglichkeiten, von "mehr Flexibilität" ist ein wenig beschönigend die Rede. Sind es etwa tatsächlich acht Prozent, mit denen die Anteilseigner und Gläubiger haften? Oder ist es nicht doch weniger und ein nationaler Abwicklungfonds kann früher einspringen und die Bank stützen? Lässt sich die Reihenfolge zwischen Sparern mit mehr als 100.000 Euro und Unternehmen nicht doch noch ändern? Klar ist eins: Sparer mit weniger als 100.000 Euro bleiben verschont und müssen nicht haften.

Die EU-Staaten werden außerdem verpflichtet, innerhalb von zehn Jahren nationale Abwicklungsfonds aufzubauen, welche aus Beiträgen der Banken gespeist werden.

Beim ESM wird es kompliziert

Erst ganz am Ende kann eine Bank auf Gelder aus dem Euro-Rettungsfonds ESM hoffen. Deutschland sorgte dafür, dass man in der Richtlinie lieber von "alternativen Finanzierungsformen" spricht und der ESM möglichst unerwähnt blieb. Denn wenn der ESM zum Einsatz kommt, wird es kompliziert. Er ist erst einmal nur für die Euro-Länder zuständig, nicht für alle EU-Mitgliedsstaaten. Schäuble warnte daher, dass es beim Aufbau der Bankenunion nicht zu Wettbewerbsverzerrungen zwischen Euro-Ländern und Nicht-Euro-Ländern kommen dürfe.

Mit ihrer Einigung haben die Finanzminister den 27 Staats- und Regierungschefs ein Krisenthema auf der Tagesordnung erspart. Am Donnerstag und Freitag treffen sie sich zu ihrem regulären Juni-Gipfel in Brüssel. Sie wollen ein Aktionsprogramm zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit und der Kreditklemme im Bankensektor auf den Weg bringen.