ZEIT ONLINE: Herr Bräuninger, viele Bürger haben den Eindruck, dass Entscheidungen in Brüssel sehr lange dauern. Sie beschäftigen sich als Spieltheoretiker seit Jahren mit den Verhandlungen in Brüssel. Was läuft da schief?

Thomas Bräuninger: In Wahrheit dauern die Entscheidungen in Brüssel gar nicht länger als in Berlin. Ein bis zwei Jahre – das ist völlig normal. Uns erscheint es nur länger, weil Gesetzesvorschläge auf EU-Ebene nicht verfallen. Einige bleiben jahrelang auf der Agenda und kommen immer wieder zur Abstimmung. Das ist in nationalen Parlamenten anders.

ZEIT ONLINE: Sie sprechen vom Parlament. Wie ist es in der Runde der 27 Staatschefs, die in dieser Woche ab Donnerstag wieder tagt?

Bräuninger: Auf den Gipfeln geht es um sehr grundsätzliche Fragen: Wie viel Souveränität sollen die Staaten abgeben? Das sind oft Themen von Verfassungsrang, das kann manchmal zäh sein. Jeder der Staatschefs hat seine eigenen Interessen. Wenn auf einem Gipfel mal eine Entscheidung fällt, kann man schon von einem Wunder sprechen.

ZEIT ONLINE: Spieltheoretiker erforschen doch, wie Verhandlungen zu besseren Ergebnissen führen können. Wieso bringen Sie ihr Wissen nicht ein und machen Europa besser?

Bräuninger: Das ist sogar schon passiert. Der Maastricht-Vertrag aus dem Jahr 1992 sah zum Beispiel erstmals vor, dass das Parlament neuen Gesetzen zustimmen muss. Gab das Parlament jedoch nicht seine Zustimmung, wanderte das Gesetz in ein Vermittlungsverfahren zwischen Ministerrat und Parlament. Scheiterte es dort, gab es noch eine Klausel, die dem Ministerrat erlaubte, am Ende doch die ursprüngliche Fassung der Kommission zu verabschieden, und zwar unverändert. Das Parlament hat die Regel stark kritisiert und stützte sich dabei auch auf spieltheoretische Forschung.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Bräuninger: Die Klausel verschaffte dem Ministerrat einen Vorteil. Einige Autoren haben argumentiert, dass sie das Parlament sogar schlechter gestellt hat als noch vor Maastricht. 1997 wurde die Regel schließlich abgeschafft.

ZEIT ONLINE: Und jetzt gibt es nichts mehr zu verbessern?

Bräuninger: Doch, natürlich. Bei den Mehrheitshürden im Ministerrat könnte man einiges verändern. Dieses Gremium kann nur mit qualifizierter Mehrheit einen Beschluss fassen.