Wäre die Welt so, wie die Versicherungsunternehmen sie zeichnen, dürfte es jemanden wie Udo Schönfeld gar nicht geben. In diesen Tagen sprechen die Firmen viel über das Hochwasser und darüber, wie man sich bei ihnen dagegen versichern kann. Für rund 99 Prozent der Deutschen sei der Abschluss einer Police problemlos möglich, erklären sie.

Mit dem restlichen Prozent "redet man", sagt eine Sprecherin des Versicherungsbranchenverbands GDV. Und erklärt, was das genau bedeutet: Gutachter beurteilten die Gefährdungslage und schlügen dann meist bauliche Veränderungen vor. "Wie das Errichten einer Flutmauer, das Abdichten der Fenster oder das Fliesen des Kellers." Richteten sich die Kunden nach den Vorschlägen, seien auch ihre Häuser versicherbar. Die Police koste dann eben nicht 50 oder 100 Euro im Jahr, sondern 500 Euro, und der Selbstbehalt im Schadensfall sei hoch. So weit die Theorie: Alles eine Frage des Preises.

Die Praxis sieht oft anders aus, bei Udo Schönfeld zum Beispiel. Er lebt in der sächsischen Kleinstadt Grimma, 34 Kilometer südöstlich von Leipzig, und betreibt dort seit 2007 eine Versicherungsagentur. In der Hochwasserwelle ist sein Büro abgesoffen, wie die Häuser, Wohnungen und Geschäfte von vielen Tausend anderen Bürgern auch. Schadenshöhe: rund 50.000 Euro, schätzt er. Schönfeld war nicht dagegen versichert.

Kein Versicherungsschutz in Zone 4

Er habe eine Police abschließen wollen, sagt er. Doch nach dem Elbehochwasser von 2002, das alle bisher das Jahrhunderthochwasser nannten, habe er von keiner Versicherung einen Vertrag bekommen. Sein Büro liegt in Zone 4, so weist es die Gefahrenkarte Zürs aus, das Zonierungssystem für Überschwemmungsrisiko und Einschätzung von Umweltrisiken. Mit dieser Karte schätzen Versicherer für sämtliche Häuser in Niedersachsen und Sachsen (und demnächst auch für Bayern) detailgenau ein, wie hoch das Risiko eines Kunden ist, in den kommenden Jahren einen Hochwasserschaden zu melden. Für Schönfelds Laden sagt die Karte: Einmal in 20 Jahren wird es ihn statistisch gesehen treffen. Mehr Risiko geht hierzulande nicht.

Nun gibt es nicht viele Gebäude in Deutschland, bei denen das Überschwemmungsrisiko derart groß ist, nämlich nur das besagte eine Prozent. Das sind aber immerhin 400.000 Häuser und Wohnungen. Die Zahl der Existenzen, die an Rhein und Elbe, Mosel und Donau an ihnen hängt, ist noch höher.

Das aktuelle Hochwasser hat aber auch gezeigt, dass es selbst jene schnell treffen kann, die in vermeintlich relativ sicheren Gegenden leben. Das bayerische Deggendorf ist das beste Beispiel, es fiel bisher in die Gefahrenstufe eins, die kleinste, sagen Branchenvertreter. Laut Statistik wird Deggendorf nur einmal in 200 Jahren überflutet. 

Das half den Bewohnern dort nicht, als die Flutwelle kam. Und deshalb bangen nun auch viele Deggendorfer um ihre Zukunft, denn auch von ihnen hatten die wenigsten eine Police gegen das Wasser. Bayern ist ohnehin das Bundesland, in dem sich die allerwenigsten Hausbesitzer mit einer Flutpolice gegen Hochwasser versichert haben: nur jeder Fünfte.

Gebäudeversicherung zahlt nicht

Die allermeisten Immobilienbesitzer schließen eine Wohngebäudeversicherung ab, die zahlt bei Feuer, Sturm, Hagel und Wasserschäden. Was vielen nicht klar ist: Sie gilt nur für das Wasser, das nach einem Rohrbruch aus der Leitung sprudelt. Bei Schäden durch Hochwasser und überlaufende Kanäle bei Starkregen springen diese Policen nicht ein. Dafür müssen die Hauseigentümer eine gesonderte Elementarschadenversicherung abschließen. Und das haben bislang erst 5,5 Millionen Bundesbürger getan, nicht einmal jeder dritte Hausbesitzer.

Deshalb denkt die Politik jetzt – wieder einmal – laut darüber nach, wie sie diese Quote erhöhen kann und ob sie diese Police nicht für alle Immobilienbesitzer zur Pflicht machen sollte. Denn so lange es viele unversicherte Hausbesitzer gibt, die durch eine Flut ihr gesamtes Hab und Gut verlieren, sieht sich die Regierung in der Pflicht, diese Bürger mit Notfonds und Ausgleichszahlungen zu unterstützen.

Bereits nach dem verheerenden Elbehochwasser von 2002 hatte sie einen sieben Milliarden Euro schweren Topf für die Hochwasseropfer eingerichtet. Der Fonds "habe sich bewährt", sagte Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) zu Beginn dieser Woche nach Verhandlungen mit Vertretern der Wirtschaftsverbände und forderte einen erneuten Fluthilfefonds, der den betroffenen Einzelpersonen, Landkreisen und Kleinunternehmen helfen solle. Rösler versprach, dass bis zu 50 Prozent des Schadens erstattet werde. Je nach Region und Bundesland gehe es dabei um 10.000 Euro oder mehr.

Auch 2002 hatte die Regierung mit dem Gedanken an eine Pflichtversicherung gespielt, sie aber zwei Jahre später wieder verworfen. Nun bringt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Pflichtpolice angesichts der niedrigen Versichertenquoten erneut ins Gespräch. Bis Freitag will das DIW Modelle vorlegen, wie so eine obligatorische Absicherung umgesetzt werden könnte.