ZEIT ONLINE: Aber für den Bau von Windrädern und Sonnenkollektoren braucht man ebenfalls mineralische Rohstoffe, die knapp sind. Für ihre Produktion wird auch die Umwelt verschmutzt.

Bardi: Die Rohstoffe für Windräder oder Solarzellen sind noch reichlich vorhanden – und damit nicht teuer. Und Umweltverschmutzung gibt es immer, wenn Bergbau in großem Maßstab betrieben wird. Das Problem liegt woanders.

ZEIT ONLINE: Wo genau?

Bardi: Unser Energiesystem ist für fossile Energiequellen gemacht. Es lässt sich nur schwer an die Bedürfnisse der Erneuerbaren anzupassen. Derzeit ist Energie zu einem relativ günstigen Preis verfügbar, rund um die Uhr. Das wird nicht so bleiben.

ZEIT ONLINE: Wie sieht Ihr Szenario aus?

Bardi: Es reicht nicht aus, einfach die Infrastruktur umzubauen. Wir werden irgendwann akzeptieren müssen, dass Energie zu manchen Zeiten viel kostet und wir unseren Verbrauch daran anpassen müssen. Das mag kompliziert klingen, aber es wird funktionieren. Schließlich fliegen wir heutzutage ja auch nicht spontan nach New York und erwarten, das Ticket zum gleichen Preis zu bekommen wie ein lange im Voraus gebuchtes. Und wir wissen, dass wir Erdbeeren zwar im Winter kaufen können, sie aber schrecklich schmecken. Es kann nicht alles zu jeder Zeit verfügbar sein.

ZEIT ONLINE: Geht der Wandel schnell genug?

Bardi: Unsere Gesellschaft akzeptiert lieber höhere Kosten, statt sich radikal zu ändern. Die Leute kaufen ein sparsameres Auto und fahren weniger, wenn das Benzin teurer wird. Das Ressourcenproblem kann aber auch viel schneller akut werden, vielleicht so schnell, dass der Wandel zum Schock wird. Dann bleibt den Leuten nichts anderes mehr übrig, als aufs Fahrrad umzusteigen oder zu Fuß zu gehen. Mit unserer Studie versuchen wir, die Leute jetzt schon zu warnen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass es einen Zusammenhang zwischen den aktuellen Krisen wie der Euro-Krise und der Ressourcenknappheit gibt?

Bardi: Ich glaube, dass wir es mit einer Rohstoffkrise zu tun haben, die vom Finanzsystem verstärkt wird. Schauen Sie sich an, welche Länder Probleme haben: Es sind Industrienationen, die auf Rohstoffimporte angewiesen sind. Italien gibt etwa ebenso viel Geld aus wie Deutschland für die Einfuhr von fossilen Brennstoffen. Dabei ist die italienische Wirtschaft nur halb so groß wie deutsche.

ZEIT ONLINE: Können wir Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch nicht entkoppeln?

Bardi: Unsere bloße Existenz verbraucht nun mal Ressourcen. Entkopplung meint, dass man das gleiche Produkt mit weniger Materialeinsatz herstellt. Aber ganz ohne Material geht es eben nicht.

ZEIT ONLINE: Was ist mit Recycling, oder dem Versuch, knappe Rohstoffe durch andere zu ersetzen?

Bardi: Unsere Studie zeigt, dass die Möglichkeiten von Recycling und Substitution nur begrenzt sind. Wir haben keine Wahl, als uns auf die Knappheit der Ressourcen einzulassen. Entscheidend wird sein, wie schnell uns das gelingt.