Das Interessanteste an der Rede von Notenbankchef Ben Bernanke wird diesmal sein, dass er sie nicht selbst hält. Wenn die Finanzwelt im August in Jackson Hole zusammen kommt, wird seine Stellvertreterin ans Mikrofon treten: Janet Yelen, frühere Harvard-Professorin, 66 Jahre alt. Offiziell heißt es, Bernanke habe andere Termine, die ihm dazwischen gekommen seien. Doch in Washington wird das Fehlen Bernankes als Zeichen interpretiert, dass Yellen schon bald  seine Nachfolgerin werden könnte.

Bisher ist das nur Spekulation. Bernanke hat noch nicht angekündigt, seinen Posten zum Ende seiner zweiten Amtszeit Anfang des kommenden Jahres räumen zu wollen. Theoretisch könnte er weitere vier Jahre bleiben. Doch Bernanke, der die USA bisher erfolgreich durch die größte Finanzkrise seit den zwanziger Jahren gesteuert hat, gilt als amtsmüde. Zuletzt deutete er öffentlich an, er müsse den Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes nicht unbedingt selbst erledigen. Auch Präsident Barack Obama sagte vergangene Woche an, Bernanke sei schon länger im Amt, "als er wollte oder sein sollte". Längst laufen die Wetten auf seine Nachfolge. Und ganz vorne in den Umfragen liegt Yellen.

Tatsächlich ergäbe ihre Nominierung machtpolitisch und ökonomisch Sinn. Yellen wäre die erste Notenbankchefin aus dem demokratischen Lager seit Paul Volcker im Jahr 1979. Die Keynesianerin gilt als "Taube" unter den Geldpolitikern, die Preissteigerungen weniger eng sieht, solange sie mit einer Ankurbelung der Konjunktur einhergehen. Zugleich verfügt sie über große Erfahrung in geldpolitischen Fragen und viel ökonomische Expertise: Jahrelang lehrte sie in Harvard, später saß sie an der Spitze des Wirtschaftsberaterstabs von Bill Clinton. Früher als andere warnte sie vor dem Platzen der Blase am amerikanischen Häusermarkt. Heute gehört sie zu den wichtigsten Stimmen, wenn es um die Geldpolitik der USA geht.

Doch noch ein anderer Grund spricht für sie. Yellen wäre die erste Frau an der Spitze der Notenbank seit ihrer Gründung im Jahr 1913. "Obama würde es genießen, die erste Frau an die Spitze der Fed zu holen", sagt Ken Thomas, ein renommierter Kenner der Fed und früherer Dozent an der Wharton School der University of Pennsylvania.  

Die Entscheidung über die Fed-Spitze wird nicht nur die US-Geldpolitik beeinflussen, sondern die gesamte Weltwirtschaft. Im Kampf gegen die Folgen der schlimmsten Finanzkrise seit rund 80 Jahren hat Bernanke nahezu jedes Instrument der Geldpolitik eingesetzt, das bis dahin auf dem Markt war. Und er hat neue erfunden: Durch ein großes Anleiheaufkaufprogramm, auch Quantitative Easing genannt, hat sich die Bilanz der Fed seit der Krise mehr als verdreifacht. Diese Positionen in den kommenden Jahren wieder abzuwickeln, wird die Hauptaufgabe der oder des künftigen Fed-Vorsitzenden sein.   

Wie heikel die Angelegenheit wird, zeigte sich vergangene Woche an der Reaktion der Finanzmärkte auf das jüngste US-Notenbanktreffen. Bernanke hatte angedeutet, dass die Fed möglicherweise schon in diesem Herbst damit anfangen könnte, das mittlerweile dritte Kaufprogramm allmählich herunterzufahren. Derzeit kauft die Notenbank jeden Monat Anleihen im Wert von insgesamt 85 Milliarden Dollar. Seit Bernankes Worten sind die Börsenkurse weltweit im Sinkflug. Der breiter gefasste US-Index S&P 500 hat mittlerweile mehr als fünf Prozent eingebüßt.