Die Welt kannte zwei Männer, beide nannten sich Marc Rich. Für die einen war er ein skrupelloser Unternehmer, der mit dem Iran auch dann noch Öl handelte, als islamische Fundamentalisten amerikanische Botschaftsangehörige als Geiseln nahmen. Ein Mann, der sich 1983 einem Prozess in den USA wegen Steuerbetrugs durch eine Flucht in die Schweiz entzog und der nur eines wollte: Geld. Um jeden Preis.

Für die anderen war und ist Marc Rich einer der größten Geschäftsmänner, die es je gegeben hat. Aus einer kleinen Wohnung in Zug heraus hat er den weltweiten Rohstoffhandel revolutioniert, ohne ihn wären Firmengiganten wie Glencore (die aus der Marc Rich AG entstanden ist), Xstrata und Trafigura nicht denkbar. Er sprengte das Kartell der sieben weltgrößten Erdölfirmen, indem er ein Vertriebssystem mit eigenen Tankern schuf.

Die Israelis sehen in dem Holocaust-Überlebenden, der 1941 von Belgien aus vor den Nazis in die USA flüchtete, einen großen Wohltäter, der den jüdischen Staat mit vielen Millionen Dollar und in kritischen Zeiten auch mit Öl unterstützt hat. Dieser Charakterzug dürfte nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass US-Präsident Bill Clinton den Flüchtigen 2001, am letzten Tag seiner Amtszeit, begnadigte. In Tel Aviv wird der Leichnam von Rich morgen beigesetzt werden.

In Wahrheit gab es natürlich nur einen Marc Rich. Er ist nun im Alter von 78 Jahren in einem Luzerner Krankenhaus an einem Hirnschlag gestorben. Man kann sicherlich nicht rückhaltlos sagen, er habe als glücklicher Mann das Zeitliche gesegnet. Zwei Ehen sind an seiner Arbeitssucht zugrunde gegangen (er widmete sich seiner Familie nur am Wochenende, und zwar jeweils eine knappe Stunde). An der Beerdigung seiner Tochter, die in den USA an Krebs gestorben war, konnte er nicht teilnehmen, weil die Amerikaner ihm kein freies Geleit zusicherten.

Und nein, Marc Rich war nicht einfach nur ein guter Mensch. Er autorisierte Bestechungsgelder und handelte mit Regierungen, die ihre Völker drangsalierten und mit Firmen, die ihre Mitarbeiter ausbeuteten. Er war aber auch nicht einfach ein schlechter Mensch. Er half mit seinem Öl entscheidend mit, über eine gewisse Zeit das Überleben Israels zu sichern. Und er schuf in seinem Geschäftsfeld einen offeneren Markt.

Rich war wohl einfach ein Geschäftsmann. Er interessierte sich nicht für Politik, sondern nur für Marktlücken und Handelskurse. Und er machte Fehler. Seine Firma musste er verkaufen, weil er, in einem Anflug von Übermut, gemeint hatte, den Zinkmarkt kontrollieren zu können. Das war wohl, neben dem privaten Versagen, seine schlimmste Niederlage.