ZEIT ONLINE: Frau Schönenberg, viele Menschen halten die Organisierte Kriminalität für ein Phänomen, das fernab ihres Lebens spielt. Sie aber sagen, organisierte kriminelle Praktiken gehören zum Alltag von uns allen. Mehr noch: Wir alle stecken mit drin. Warum bemerken wir das nicht?

Regine Schönenberg: Vielleicht schauen wir nicht genau genug hin. Ein Beispiel aus Berlin, das auf den ersten Blick banal erscheint: Dort fingen vor ein paar Jahren irgendwann Leute an, neben Warteschlangen Getränke in Dosen zu verkaufen. Das ist natürlich verboten, aber das Geschäft war so gut, dass sich ein regelrechter Markt entwickelte. Irgendwann waren die Verkäufer an den Schlagen nur noch Makler für die eigentlichen Händler im Hintergrund. Sie trugen das Risiko, erwischt zu werden, und kassierten dafür zusätzliches Geld.

ZEIT ONLINE: Eine Bande von Kleinkriminellen.

Schönenberg: Ja, und wissen Sie, wann das Ganze schlagartig aufhörte? Als der Berliner Senat für eine geringe Gebühr Tageslizenzen an Händler ausgab. Das Geschäft war legal und damit für die kriminellen Banden uninteressant. Das Beispiel zeigt: Die Organisierte Kriminalität sucht sich ihre Extraprofite immer in Räumen, in denen der Staat zu schwach ist, um seine Verbote durchzusetzen. Dort machen sich dann Banden breit.

ZEIT ONLINE: Die meisten denken bei Organisierter Kriminalität eher an Menschenschmuggel, Drogenhandel und Geldwäsche.

Schönenberg: Ja, natürlich. Mir geht es um die Frage, wie solche Geschäfte entstehen. Als ich mit meiner Forschung anfing, dreht sich die Debatte über transnationale Kriminalität vor allem um den Drogenhandel und darum, wie man ihn bekämpfen kann. Ich habe auch dazu geforscht und versucht, die Kokainhandelsrouten im brasilianischen Amazonasgebiet zu verstehen. Im Laufe meiner Arbeit aber habe ich immer mehr Wissenschaftler getroffen, die gesagt haben: Es geht nicht nur um Drogen, sondern um die kriminellen Räume, die sich vor allem in sich rasch wandelnden Gesellschaften auftun.

ZEIT ONLINE: Was heißt das: kriminelle Räume?

Schönenberg: Ein Beispiel: Als China der WTO beigetreten ist, hat sich die Regierung verpflichtet, stärker gegen Produktpiraterie vorzugehen. Bis dahin gab es in China viele Fabriken, in denen im großen Stil westliche Produkte kopiert wurden. Diese mussten jetzt schließen, die Fälscherwerkstätten zogen weiter nach Vietnam.

ZEIT ONLINE: Das klingt erst mal nach ganz normalem Strukturwandel. Was hat das mit organisierter Kriminalität zu tun?

Schönenberg: Die entscheidende Frage ist, wie die Arbeiter dieser Fabrik den Bruch überwinden. Gibt es einen starken Staat, fängt er sie vielleicht auf. Oder er reguliert den Markt so, dass die Fälscher von früher anderweitig Anschluss finden. Wenn der Staat das aber nicht kann oder will, dann werden diese Leute in der Illegalität weiter arbeiten. Die Marginalisierten rutschen in neue kriminelle Räume.

ZEIT ONLINE: Und dort warten dann Banden, die sie aufnehmen?

Schönenberg: Ja. Oder die kriminellen Gruppen besetzen das Vakuum, das ein schwacher Staat durch die Liberalisierung hinterlässt. Sie vernetzen sich über Ländergrenzen hinweg, um ihre Geschäfte zu machen, es gibt transnationale Routen, über die alles Mögliche transportiert wird.


"Die Grenze zwischen legalen und illegalen Geschäften ist oft schwer zu ziehen"


ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Schönenberg: Menschen, Waffen, Drogen, menschliche Organe. Nicht immer aber sind die Güter illegal. Uns ist ein Fall bekannt, wo es um das Geschäft mit Leberpastete ging.

ZEIT ONLINE: Mit Leberpastete?

Schönenberg: Ja. Die deutschen Behörden haben vor einiger Zeit einen Mann gefasst, der Leberpastete aus Ungarn nach Deutschland schmuggelte. Er machte damit pro Gramm mehr Gewinn, als er mit Kokain hätte machen können.

ZEIT ONLINE: Gibt es Schätzungen über das Ausmaß der Organisierten Kriminalität?

Schönenberg: Das ist schwer zu sagen, weil die Grenze zwischen legalen und illegalen Geschäften oft schwer zu ziehen ist. Eine Schätzung besagt, dass allein die Geldwäsche zwischen zwei und fünf Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung ausmacht. Genaue Zahlen gibt es kaum.

ZEIT ONLINE: Warum ist denn nicht klar, was ein verbotenes oder nicht verbotenes Geschäft ist? Es gibt doch Gesetze.

Schönenberg: Ja, aber manches, was das Gesetz verbietet, kann sozial akzeptiert sein. Es gibt zum Beispiel Gegenden, die leben seit Jahrhunderten von Schmuggel. Das wird nicht auszumerzen sein, denn es ist eine traditionelle soziale Praxis, die immer abgerufen wird, wenn die Leute in Probleme geraten. Im brasilianischen Amazonasgebiet zum Beispiel, wo ich forsche, hat der deutsche Mahagoniboykott dazu geführt, dass Hunderte von informellen, halblegalen Sägewerken entweder schließen mussten oder ihr Portfolio um Kokain ergänzten, um wieder überlebensfähig zu sein. Es mag verboten sein, aber aus ihrer Sicht ist es gerechtfertigt. Für sie geht es um ihre Existenz.

ZEIT ONLINE: Gibt es solche selbstverständlichen Geschäfte auch in Deutschland?

Schönenberg: Natürlich. Es gibt Gesetze, die viele Leute an den Rand drängen würden, wenn diese sich an die Vorschriften hielten. Denken Sie an kleine Handwerksbetriebe, die nur noch existieren können, wenn sie einen großen Teil ihrer Aufträge schwarz erledigen. Unsere Steuergesetzgebung treibt diese Leute in die Illegalität. Die tägliche Frage lautet dann: Soll ich lieber schwarz arbeiten oder das Gesetz befolgen und arbeitslos werden?

ZEIT ONLINE: Sie behaupten sogar, dass auch Steuerhinterziehung Teil der Organisierten Kriminalität ist. Warum?

Schönenberg: Der Zusammenhang ist zunächst einmal ein moralischer. Eine Gesellschaft, die der Profitmaximierung als oberstem Ziel huldigt, akzeptiert manche Formen der Kriminalität eher als eine Gesellschaft mit anderen Werten. Dazu gehört dann auch die Steuerhinterziehung. Alle großen Konzerne haben heute Verhaltensregeln, die den Mitarbeitern sagen, wie sie sich zu verhalten haben und welche Geschäfte nicht mehr zulässig sind. Aber welche Prioritäten setzen die Unternehmen? Erwarten sie von den Mitarbeitern vor allem, die Verhaltensregeln zu befolgen? Oder geht es ihnen in erster Linie um das Erreichen von Profitzielen? Es geht um den Gewinn, das ist doch ganz klar. Für ihn werden sich die Mitarbeiter im Zweifelsfall entscheiden.

ZEIT ONLINE: Und wo ist jetzt der Zusammenhang zu den illegalen Banden?

"Die Prostituierten mögen aus der Ukraine kommen, aber sie werden hier konsumiert"

Schönenberg: Die Organisierte Kriminalität hat es in Gesellschaften leichter, die einseitig auf schnellen Gewinn ausgerichtet ist. Sie profitiert aber auch ganz direkt, wenn Banken größere Finanztransaktionen nicht offenlegen, weil das ihrem Geschäft schaden würde – obwohl sie das eigentlich müssten. Das ermöglicht Geldwäsche und Steuerhinterziehung.

ZEIT ONLINE: Wie stark ist Deutschland von Organisierter Kriminalität betroffen?

Schönenberg: Es gibt hier russische, italienische und albanische Gruppen. Und es gibt deutsche Gangs, wie die Hells Angels und die Bandidos. Sie haben alle Netzwerke bis in die obere Ebene der Politik hinein. Sonst könnten sie ihre Geschäfte gar nicht in einem so großen Maßstab betreiben.

ZEIT ONLINE: Bisher hieß es immer, Deutschland diene den ausländischen Gruppen vor allem als Rückzugsort, an dem sie ihr Vermögen in Ruhe investieren können.

Schönenberg: Es stimmt, dass Deutschland für manche ausländischen Gruppen ein ruhiger Zufluchtsort ist. Ein Grund ist übrigens, dass in Deutschland die öffentlichen Institutionen gut funktionieren – im Gegensatz zu den Ländern, aus denen die Banden kommen. Und es wird tatsächlich viel Geld hier investiert. Wissen Sie, wie viele Immobilien in Berlin mit Bargeld bezahlt werden? Unendlich viele! Es ist aber nicht realistisch, wenn wir so tun, als sei die organisierte Kriminalität jenseits der Geldwäsche nicht unser Problem. Längst werden hier auch andere Geschäfte gemacht: Zwangsprostitution, Schutzgelderpressung. Ich weiß von Zwangsprostitutionsfällen in Berlin, in denen die ermittelnden Polizisten unter Druck gesetzt wurden, ihre Untersuchungen zu lassen. Das zeigt die Verstrickung der Politik. Dabei haben wir eine Verantwortung für die Frauen. Die Prostituierten mögen aus der Ukraine kommen – aber sie werden hier konsumiert.

ZEIT ONLINE: Konsumiert?

Schönenberg: Das Wort verwende ich ganz bewusst. Genauso ist es.

ZEIT ONLINE: Unternimmt die deutsche Politik nichts gegen die Missstände?

Schönenberg: Ich habe nicht das Gefühl, dass etwas passiert. Schauen Sie sich öffentliche Bauvorhaben an. Warum wohl wird der Flughafen Schönefeld nicht rechtzeitig fertig, warum dauern andere Großprojekte so lange? Die Baubranche ist eine der kriminellsten Branchen überhaupt. Was da passiert, ist auch in Deutschland oft Sklavenarbeit – befördert durch Ausschreibungsrichtlinien, die festlegen, dass der billigste Anbieter den Zuschlag bekommt und nicht der mit dem besten Leumund. Der vergibt dann die Arbeiten über mehrere Subunternehmen weiter, und wer am Ende die Arbeit macht, kriegt nur noch ein paar Euro am Tag, versteht kein Deutsch und fliegt raus, wenn eine Razzia des Zolls ausnahmsweise einmal nicht rechtzeitig verpfiffen wird.

ZEIT ONLINE: Übertreiben Sie nicht ein wenig?

Schönenberg: Nein. Die Gebäude all unserer demokratischen Institutionen in Berlin sind auf diese Art von Leiharbeitern hochgezogen worden. Dahinter stecken Schlepperbanden und die Grenze zum Menschenhandel ist fließend. Ich sehe keinen politischen Willen, daran etwas zu ändern.