ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Schönenberg: Menschen, Waffen, Drogen, menschliche Organe. Nicht immer aber sind die Güter illegal. Uns ist ein Fall bekannt, wo es um das Geschäft mit Leberpastete ging.

ZEIT ONLINE: Mit Leberpastete?

Schönenberg: Ja. Die deutschen Behörden haben vor einiger Zeit einen Mann gefasst, der Leberpastete aus Ungarn nach Deutschland schmuggelte. Er machte damit pro Gramm mehr Gewinn, als er mit Kokain hätte machen können.

ZEIT ONLINE: Gibt es Schätzungen über das Ausmaß der Organisierten Kriminalität?

Schönenberg: Das ist schwer zu sagen, weil die Grenze zwischen legalen und illegalen Geschäften oft schwer zu ziehen ist. Eine Schätzung besagt, dass allein die Geldwäsche zwischen zwei und fünf Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung ausmacht. Genaue Zahlen gibt es kaum.

ZEIT ONLINE: Warum ist denn nicht klar, was ein verbotenes oder nicht verbotenes Geschäft ist? Es gibt doch Gesetze.

Schönenberg: Ja, aber manches, was das Gesetz verbietet, kann sozial akzeptiert sein. Es gibt zum Beispiel Gegenden, die leben seit Jahrhunderten von Schmuggel. Das wird nicht auszumerzen sein, denn es ist eine traditionelle soziale Praxis, die immer abgerufen wird, wenn die Leute in Probleme geraten. Im brasilianischen Amazonasgebiet zum Beispiel, wo ich forsche, hat der deutsche Mahagoniboykott dazu geführt, dass Hunderte von informellen, halblegalen Sägewerken entweder schließen mussten oder ihr Portfolio um Kokain ergänzten, um wieder überlebensfähig zu sein. Es mag verboten sein, aber aus ihrer Sicht ist es gerechtfertigt. Für sie geht es um ihre Existenz.

ZEIT ONLINE: Gibt es solche selbstverständlichen Geschäfte auch in Deutschland?

Schönenberg: Natürlich. Es gibt Gesetze, die viele Leute an den Rand drängen würden, wenn diese sich an die Vorschriften hielten. Denken Sie an kleine Handwerksbetriebe, die nur noch existieren können, wenn sie einen großen Teil ihrer Aufträge schwarz erledigen. Unsere Steuergesetzgebung treibt diese Leute in die Illegalität. Die tägliche Frage lautet dann: Soll ich lieber schwarz arbeiten oder das Gesetz befolgen und arbeitslos werden?

ZEIT ONLINE: Sie behaupten sogar, dass auch Steuerhinterziehung Teil der Organisierten Kriminalität ist. Warum?

Schönenberg: Der Zusammenhang ist zunächst einmal ein moralischer. Eine Gesellschaft, die der Profitmaximierung als oberstem Ziel huldigt, akzeptiert manche Formen der Kriminalität eher als eine Gesellschaft mit anderen Werten. Dazu gehört dann auch die Steuerhinterziehung. Alle großen Konzerne haben heute Verhaltensregeln, die den Mitarbeitern sagen, wie sie sich zu verhalten haben und welche Geschäfte nicht mehr zulässig sind. Aber welche Prioritäten setzen die Unternehmen? Erwarten sie von den Mitarbeitern vor allem, die Verhaltensregeln zu befolgen? Oder geht es ihnen in erster Linie um das Erreichen von Profitzielen? Es geht um den Gewinn, das ist doch ganz klar. Für ihn werden sich die Mitarbeiter im Zweifelsfall entscheiden.

ZEIT ONLINE: Und wo ist jetzt der Zusammenhang zu den illegalen Banden?