Detroit ist die größte amerikanische Stadt, die je bankrottgegangen ist. Aber sie ist keineswegs die einzige, die stark verschuldet ist. Es wäre also verlockend, jetzt eine große Konkurswelle an die Wand zu malen. Welche Stadt ist als nächste dran? Geht von den maroden Haushalten amerikanischer Kommunen gar eine neue Gefahr für die Weltwirtschaft aus?

Zum Glück: nein. Denn für solch gewagte Schlussfolgerungen ist der Niedergang Detroits zu außergewöhnlich. "Motown", die Stadt der Autoindustrie, leidet seit Jahrzehnten am radikalen Bedeutungsverlust ihrer Kernindustrie, an den überzogenen Rentenversprechen, die noch aus Boomzeiten datieren, und vor allem an einem gewaltigen Bevölkerungsschwund.

Ähnliche Probleme haben andere Kommunen zwar auch, aber nicht annähernd im gleichen Ausmaß. Ein zweites Detroit wird es so bald nicht geben. Die Geschichte des schnellen Aufstiegs und schmerzhaft langsamen Niedergangs ist ohnehin traurig genug, dass ihre Bedeutung nicht noch mit unhaltbaren Vergleichen überhöht werden müsste. Für die wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten oder gar der Weltwirtschaft ist der Konkurs Detroits eine Randnotiz.

Auf andere Weise aber ist Detroits Verfall durchaus über die Stadtgrenzen hinweg relevant – und zwar als Anschauungsbeispiel für ein tiefes Dilemma der Demokratie. Amerikanische Kommunen sind extrem selbstständig. Diese Unabhängigkeit hat große demokratische Vorzüge. Wie der desolate Zustand Detroits zeigt, ist es aber auch gerade diese Unabhängigkeit, die mancherorts zu urbanen Wüstenlandschaften beiträgt.

Viele Entscheidungen, die in Deutschland Sache von Bund und Ländern wären, werden in den USA vor Ort getroffen. Schulbezirke heuern auf eigene Kosten Lehrer an und entscheiden selbst über den Lehrplan. Städte sind nicht nur für den Bau von Polizeiwachen, sondern auch für das Gehalt von Mordkommissaren verantwortlich. Während öffentliche Angestellte in Deutschland einen Großteil ihrer Renten aus dem Bundeshaushalt beziehen, kriegen sie in den USA ihren monatlichen Scheck von der Kommunalverwaltung.

Der Kandidat im Vorgarten

Auch das Ausmaß der öffentlichen Mitwirkung an kommunalpolitischen Entscheidungen wirkt aus europäischer Perspektive geradezu exotisch. Wenn Wahlen für den Stadtrat, das school board, den Sheriff oder auch den Richter anstehen, stellt mancherorts jeder zweite Hausbesitzer ein Plakat seines Lieblingskandidaten in den Vorgarten. Kein Wunder. Da die Lokalpolitik einen viel direkteren Einfluss auf das Leben der Bürger hat, sind diese an ihr auch viel stärker interessiert. Dort, wo dieses hochdemokratische System gut funktioniert, profitieren letztlich alle.

So viel Eigenständigkeit birgt aber auch enorme Risiken. Aufgrund ihrer weitreichenden Verantwortung können amerikanische Kommunen nämlich schnell in einen Teufelskreis geraten. Wie, das hat Albert Hirschmann in Exit, Voice and Loyalty, einem Klassiker der Wirtschaftswissenschaften, beschrieben. Wenn sich aufgrund eines Finanzschocks die örtlichen Schulen verschlechtern, sind die engagiertesten und wohlhabendsten Bürger die Ersten, die in einen besseren Schulbezirk umziehen. Dadurch stehen der Stadt weniger Steuergelder und weniger engagierte Eltern zur Verfügung. Die Schulen verschlechtern sich weiter. Der Bevölkerungsschwund beschleunigt sich. Am Ende bleiben nur diejenigen übrig, die es sich nicht leisten können, wegzuziehen.