Wolfgang Schäublereist an diesem Donnerstag zum ersten Mal ins Herz der europäischen Krise. Er war schon in Rom und Madrid, aber eine Reise nach Athen hat er bisher vermieden. Vielleicht, weil der deutsche Finanzminister in Griechenland mehr verhasst ist als anderswo. Vielleicht auch, weil hier am ehesten sichtbar wird, wie die deutsche Krisenpolitik Europas Süden verändert und den Bürgern Entbehrungen abverlangt.

Schäuble weiß, dass er vorsichtig sein muss. "Der Minister fliegt nicht nach Athen, um den Griechen zu sagen, wie sie ihre Hausaufgaben machen sollen", sagt ein hochrangiger Beamter aus dem Berliner Finanzministerium. Der Minister werde stattdessen ermutigen, Vertrauen aussprechen. Und er wird Hilfe anbieten: 100 Millionen Euro für kleine und mittelständische Unternehmen, die unter der Krise leiden.

Griechenland im Jahr sechs der Eurokrise: Das ist eine Volkswirtschaft, die seit mehr als 20 Quartalen in einer Rezession steckt. Der ein Viertel der Wirtschaftskraft abhandengekommen ist. Ein Land, in dem die Jugendarbeitslosigkeit auf mehr als 50 Prozent gestiegen ist und weiter zunimmt. Aus Sicht vieler Griechen mag es deshalb befremdlich klingen, wenn der deutsche Außenminister unlängst verkündete, in Griechenland würden jetzt "Verkrustungen aufbrechen". Es war gleichsam zynisch, zu behaupten, Europas Schuldenkrise sei vorbei, nur weil an den Märkten die Panik erst mal verflogen ist. Noch zynischer wäre es, die Frage zu stellen, ob und wann die Krise zurückkommt.

Doch genau diese Frage ist im Moment wieder öfter zu hören. Geld gegen Reformen – das war das Grundprinzip der Euro-Rettung bisher. Das ging lange gut, und als es nicht mehr reichte, beruhigte EZB-Chef Mario Draghi die Märkte, indem er versprach, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen aus Krisenstaaten zu kaufen. Seither ist Ruhe und die Zeit läuft. Die Frage ist nun nicht mehr, wer den Staaten morgen noch Geld leiht, damit sie nicht pleitegehen. Die Frage lautet, ob die Krisenländer rechtzeitig ihre wirtschaftlichen Probleme gelöst bekommen. Und wenn nicht, was dann geschieht.

Spanien droht eine Regierungskrise

In Frankreich etwa verkündete Staatspräsident François Hollande am vergangenen Sonntag: "Die wirtschaftliche Erholung ist da." Das soll die Franzosen in ihrem Sommerurlaub beruhigen, aber in Wahrheit ist die Lage weiter düsterer. Nach Berechnungen des nationalen Statistikamtes wird das Land auch in diesem Jahr in der Rezession verharren. Um die Maastricht-Vorgaben aus Brüssel zu erfüllen, müsste Paris in den nächsten beiden Jahren mindestens 28 Milliarden Euro einsparen. Hollande hat sich während des Wahlkampfs als sozialer Reformer gegeben, der mit jedem harten Einschnitt seine Wähler verprellen würde. Schon im Herbst könnte es knallen und zu Streiks kommen, wenn Hollande sich an seine Rentenreform macht.

Auch in Spanien scheint das Schlimmste zwar vorbei zu sein. Die Zahl der Arbeitslosen sank auf weniger als fünf Millionen. Staatspräsident Mariano Rajoy träumt schon davon, das Land könne Ende Juli der Rezession entfliehen. Andererseits verstrickt sich die Regierung gerade in eine Korruptionsaffäre, die das Land in neue Unruhe versetzen könnte. Spaniens Opposition hat bei den Bürgern ebenso wenig Kredit wie die amtierende Regierung. Wer hat künftig in Madrid noch den Rückhalt, um die Reformen in Zukunft umzusetzen?   

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Am prekärsten ist die Lage in Portugal. Zwar wurde eine Regierungskrise im Streit um den Sparkurs gerade erst abgewendet. Aber das Haushaltsdefizit sprang zuletzt wieder auf mehr als zehn Prozent, auch die Zinsen für portugiesische Anleihen steigen wieder (siehe Grafik). Eigentlich soll das Land sich ab Sommer 2014, wenn das Rettungspaket ausläuft, wieder selbst finanzieren. Doch in Brüssel glaubt schon lange niemand mehr daran, dass der Plan aufgeht.

Und Italien? "Das Land ist auf lange Sicht das größte Problem für die Euro-Zone", sagt der Brüsseler Ökonom Daniel Gros. "In keinem Land ist die Bereitschaft zu Reformen so gering." Tatsächlich torpediert der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi derzeit viele Versuche, die Wirtschaft des Landes zu stärken. Und niemand weiß, wie das Land langfristig runter will von seinem gewaltigen Schuldenberg.

Geld gegen Reformen – noch hält der Kompromiss in den meisten Krisenländern. Bis zum Herbst wird sich daran wohl kaum etwas ändern. Dann wird in Deutschland gewählt und die Kanzlerin hat deutlich gemacht, dass sie bis dahin keine neuen Debatten über Hilfspakete und Lasten für den Steuerzahler führen will. Solange schwelt die Krise weiter und es ist im Moment kein Funke erkennbar, der die Währungsunion wieder in Brand setzen könnte. Spätestens nach der Wahl aber werden alte Fragen zurückkommen: Wie viel Sparkurs vertragen die Länder im Süden noch? Und wie viel Unterstützung braucht es aus Berlin?