"Es muss wehtun" – so habe Bundeskanzlerin Angela Merkel im Frühjahr 2010 ihm gegenüber die harten Sparauflagen begründet, berichtet der damalige griechische Premier Giorgos Papandreou. Griechenland als abschreckendes Beispiel, damit ja kein anderes Euro-Land auf die Idee komme, nach Hilfskrediten zu rufen. Wenn es wirklich Absicht der Kanzlerin gewesen sein sollte, an den Griechen ein Exempel zu statuieren, kann sie zufrieden sein: Es tut weh. In den vergangenen drei Jahren haben fast eine Million Griechinnen und Griechen ihre Arbeit verloren. Allein in den vergangenen zwölf Monaten wurden im Schnitt pro Tag 600 Menschen arbeitslos. Die Arbeitslosenquote kletterte seit 2009 von 7,7 auf 27 Prozent. Unter den bis zu 25-Jährigen sind fast zwei Drittel ohne Job. Rund 70.000 Firmen haben nach Angaben des Verbandes der griechischen Industrie- und Handelskammern seit 2011 Insolvenz anmelden müssen, weitere 180.000 seien vom Bankrott bedroht, schätzt Dimitris Asimakopoulos, der Vorsitzende des Verbandes der griechischen Kleinunternehmer.

Die sozialen Folgen der Rezession sind verheerend. Das Arbeitslosengeld von 360 Euro im Monat wird in Griechenland maximal ein Jahr lang gezahlt. Danach ist Schluss. Eine Sozialhilfe oder Grundsicherung wie Hartz IV gibt es in Griechenland nicht. Wer kein Arbeitslosengeld mehr bekommt, verliert automatisch auch seine Krankenversicherung. Das betrifft aktuell sechs von zehn Arbeitslosen, also rund 780.000 Menschen. In Griechenland ist es nur ein kleiner Schritt von der Arbeitslosigkeit ins Elend. Der Uno-Armutsexperte Cephas Lumina schätzt, dass bereits 38 Prozent der Griechen unter der Armutsschwelle leben. Vor allem die Lage vieler Kinder ist dramatisch: "322.000 griechische Kinder haben nicht mal das, was ein Kind als Minimum grundsätzlich braucht", sagt Lambros Kanellopoulos von der griechischen Niederlassung des Weltkinderhilfswerks UNICEF.

Die Nazis gewinnen Zustimmung

Aber auch die meisten jener, die noch Arbeit haben, müssen sich einschränken. Seit 2009 sanken die Durchschnittseinkommen um 22 Prozent. Weil im gleichen Zeitraum die Preise um zehn Prozent kletterten, verloren die Griechen fast ein Drittel ihrer Kaufkraft. Auch die Rentner müssen den Gürtel enger schnallen. Nach den Kürzungen der vergangenen drei Jahre bekommen 46 Prozent der griechischen Pensionäre weniger als 500 Euro im Monat. Nur zehn Prozent beziehen Renten von 1.500 Euro und mehr.

Gemessen an den Opfern, die ihnen abverlangt werden, zeigen die Griechen eine bemerkenswerte Geduld. Oder ist es Resignation? Die Massenproteste, die das Land zu Beginn des Sparprogramms erschütterten, sind jedenfalls abgeflaut. Die Streikaufrufe der Gewerkschaften finden von Mal zu Mal weniger Resonanz. Aber es brodelt unter der Oberfläche. Die Krise stellt das politische System des Landes auf die schwerste Zerreißprobe seit dem Ende der Militärdiktatur vor 39 Jahren, sie polarisiert. Politische Rattenfänger wie der Linkspopulist Alexis Tsipras, der unlängst dazu aufrief, Griechenland solle seinen Schuldendienst einfach einstellen, haben Hochkonjunktur. Noch beunruhigender ist der Aufstieg der Neonazi-Partei Goldene Morgenröte, die bei der Wahl vor einem Jahr knapp sieben Prozent bekam und jetzt in einigen Umfragen bereits bei elf Prozent liegt.

Aber nicht nur das Vertrauen in die etablierten politischen Parteien, die mit ihrer Klientelwirtschaft das Land vor die Wand gefahren haben, ist erschüttert. Immer mehr Menschen verzweifeln, sehen keine Zukunft, keinen Ausweg mehr. Wie Kostas Kogias. Als er drei Tage nach seinem Selbstmord auf dem Friedhof Koukou von Volos zu Grabe getragen wurde, gaben ihm Hunderte das letzte Geleit. Sogar aus dem fernen Athen waren Trauergäste gekommen. Wie es in Griechenland bei Begräbnissen üblich ist, applaudierten die Trauergäste, als der Sarg aus der Kirche zum Friedhof getragen wurde. "Gute Reise", riefen die Menschen. Dann wurde der Sarg ins Grab gelassen. "Möge die Erde, die Dich bedeckt, leicht sein", sagte der Pope.