Bohrinsel in Sicht

Es ist verlockend – gerade in diesem Krisenzeiten: Der spanische Öl-Konzern Repsol ist überzeugt, dass Spanien über enorme, noch unausgebeutete Rohölvorkommen verfügt. Von rund einer Milliarde Barrel spricht das Unternehmen. Über einen Zeitraum von 30 Jahren könnten täglich 100.000 bis 150.000 Barrel gefördert werden. Das sind zehn Prozent dessen, was Spanien bisher verbraucht und fast gänzlich importieren muss.

Es gibt nur ein großes Problem: Die Ölfelder werden unter dem Meeresboden unweit der Küsten der kanarischen Inseln Fuerteventura und Lanzarote vermutet. Einem der wichtigsten touristischen Gegenden Spaniens.

Über die mögliche Ausbeutung ist deshalb ein heftiger Streit entbrannt. Auf der einen Seite steht das Konsortium um Repsol und die Regierung in Madrid. Auf der anderen Seite: Umweltschützer, Tourismusvertreter und oppositionelle Regierung auf den Kanaren.

Die Auseinandersetzung hat es mittlerweile bis vor das Tribunal Supremo, den obersten Gerichtshof Spaniens, geschafft. Die Inselregierung von Fuerteventura hatte Beschwerde gegen die Erschließung der Ölfelder eingelegt, da die Regierung in Madrid die Genehmigung für erste Probebohrungen ab 2014 erteilt hat, ohne die noch ausstehende Umweltverträglichkeitsprüfung abzuwarten. Während es die Urlauber an die Playa de Jandía und die Dünen bei Corralejo auf Fuerteventura zog und an die Playa Blanca auf Lanzarote, schilderten in Madrid Gutachter vor wenigen Tagen die Risiken des geplanten Unternehmens.

In Gegenden wie vor den Kanaren, wo bereits wenige Seemeilen vor der Küste große Tiefen erreicht werden, sei die Gefahr eines Bohrlecks erhöht, warnte etwa Francisco Javier Villanueva mit Verweis auf die Katastrophe 2010 im Golf von Mexiko. Damals war die BP-Ölplattform Deepwater Horizon explodiert. Eine Meile unter der Wasseroberfläche flossen Unmengen Öl in wichtige Fischfanggebiete. Und auch das Tourismusgeschäft vor den Küsten Floridas war bedroht. 

Vor den Kanaren müsste ebenfalls sehr tief gebohrt werden. 3.500 bis womöglich 6.800 Meter tief. Vor einigen Jahren arbeitete der Sachverständige noch für Repsol, nachdem 2010 durch ein versehentlich geöffnetes Ventil 120 bis 180 Tonnen Rohöl von einer Bohrinsel nahe Barcelona ins Meer flossen. Der Meeresexperte war auch Berater bei Ölunfällen vor Uruguay und den Galapagos-Inseln, und nach dem Untergang des Schweröltankers Prestige vor der Küste Galiziens war Villanueva dabei, als man vergeblich versuchte, den Ölteppich einzudämmen.

Hohe Artenvielfalt auf den Kanaren


Das Prestige-Unglück, das in den vergangenen Monaten vor Gericht verhandelt wurde, und dessen Urteil im November ansteht, ist vielen Spaniern noch in Erinnerung. Jetzt kämpft Villanueva auf der Seite der Explorationsgegner. "Nur zehn Prozent des ausgetretenen Öls lassen sich normalerweise auf dem offenen Meer absaugen, der Rest gelangt an die Küsten", sagt Villanueva.

Für die Kanaren hätte ein solcher Unfall verheerende Folgen. Nicht nur, weil die Gegend zu den sogenannten Hot Spots, also Gebieten mit einer besonders hohen Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen gehört. 50.600 verschiedene Arten zählten der Biologe Ricardo Haroun und seine Kollegen von der Universidad de Las Palmas de Gran Canaria, die im Auftrag von Repsol zwischen Oktober 2012 und Juni 2013 eine Inventarliste erstellten. Die Unesco hat Fuerteventura und Lanzarote zum Biosphärenreservat ernannt. 

Unternehmen fürchten um Tourismus

Für die an Niederschlägen extrem armen Inseln würde eine Verseuchung des Meeres zudem die Trinkwasserversorgung mit entsalztem Meerwasser gefährden. Vom Abschreckungspotenzial für die zuletzt gut zehn Millionen Touristen, der Haupteinnahmequelle auf den Kanaren, ganz zu schweigen. "Eine solche Tragödie würde nicht nur eine Reisesaison ruinieren, sondern hätte auch zur Folge, das potenzielle Besucher die Kanarischen Inseln immer mit Öl in Verbindung bringen", mahnte Harald Zeiss, Leiter Nachhaltigkeitsmanagement beim Reiseveranstalter Tui Deutschland GmbH, in einem Brief an die Inselregierung von Fuerteventura.

Jürgen Büchy, Präsident des Deutschen Reiseverbandes, in dem die deutschen Reiseveranstalter und Reisebüros zusammengeschlossen sind, wandte sich beunruhigt an den spanischen Minister für Industrie, Energie und Tourismus, José Manuel Soria. "Der Deutsche Reiseverband hat schwere Bedenken gegen diesen Plan", schrieb Büchy im vergangenen November. "Die Kanarischen Inseln sind eine der Hauptdestinationen für den deutschen Markt, und wir würden es sicherlich begrüßen, wenn dies in absehbarer Zukunft so bliebe."

Der DRV fürchtet, dass Ölproduktion und Bohrtürme nahe der Küsten von Lanzarote und Fuerteventura dazu führen könnte, dass die Menschen sich gegen die Kanarischen Inseln und für andere Urlaubsorte entscheiden. Büchy drückte zudem sein Unverständnis darüber aus, wie sich die Bemühungen der Inselgruppe für mehr Umweltschutz und die Verwendung erneuerbarer Energien mit dem Ölprojekt vereinbaren ließen.

Minister verspricht viele Arbeitsplätze

Auch andere nationale und internationale Tourismusverbände teilen die Sorge. Auf Anfrage will sich der DRV aber nicht weiter äußern und entfernte Büchys Brief von seiner Website. Offensichtlich will man es sich mit der Führung in Madrid nicht verderben.

Minister Soria, der selbst aus Gran Canaria stammt, argumentiert, dass die Kanaren nicht allein vom Tourismus leben könnten. Die Arbeitslosenquote ist mit 34 Prozent die dritthöchste in Spanien. Insgesamt 5.000 Arbeitsplätze verspricht Repsol durch die Erschließung der Ölfelder. Auf die Frage, wo und wie die entstehen sollen, schweigt Soria ebenso wie Repsol. Der Konzern versichert aber, sämtliche Risiken im Griff zu haben.

"Die Tiefe der Bohrungen hat nichts mit deren Sicherheit zu tun", sagt Repsol-Sprecher Marcos Fraga García auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Selbst dann nicht, wenn die Probebohrungen mehr als doppelt so tief dringen müssten wie die im Regierungsdekret genannten "ungefähr 3.500 Meter". Zwei der sechs möglichen Bohrungen werden laut Repsol 6.800 Meter beziehungsweise 6.400 Meter tief reichen. Die Meerestiefe beträgt an diesem Stellen zwischen 800 und 1.000 Metern. Vor Brasilien habe Repsol 6.000 Meter tief gebohrt, im Golf von Mexiko sogar 9.000 Meter. "Die Garantien sind dieselben."

Dem Konzern käme die neue Quelle gelegen, würden sie doch das mit dem Iran-Embargo entfallene Volumen ausgleichen. Im November steht das Urteil des obersten Gerichtshofs an. Schon einmal, 2004, machte er Repsol einen Strich durch die Rechnung. Er kippte die 2001 von der konservativen Regierung und José María Aznar ausgesprochene Genehmigung. Die anschließend regierenden Sozialisten rührten das Thema nicht mehr an. Erst der Regierungswechsel 2011 machte einen erneuten Vorstoß möglich.  

Repsol will Gewissheit

Madrid macht Druck, weil auch Marokko ein Auge auf den möglichen Schatz geworfen hat. Die Grenzen in den Gewässern vor den Kanarischen Inseln ist umstritten.

Repsol will nach zwei Probebohrungen Gewissheit über die Ölvorkommen haben. Immerhin kostet jede einzelne den Konzern nach eigenen Angaben 150 Millionen Euro. 2020 könnte die Förderung beginnen. "Weil wir ein spanisches Unternehmen sind, wollen wir etwas für Spanien tun", sagt Repsol-Sprecher Fraga García. Allein für die Exploration vor den Kanaren werde die Firma jährlich 700 Millionen Euro Steuern bezahlen. Das wäre fast die Hälfte der Summe, die der Konzern im Geschäftsjahr 2012 an den spanischen Staat abführte.

Sein derzeitiges Handelsbilanzdefizit könnte Spanien um 28 Milliarden Euro verringern, verspricht Fraga García. Salvador García, Direktor der Raffinerie des Konkurrenzunternehmens Cepsa auf Teneriffa, nimmt den Inselbewohnern aber schon einmal die Hoffnung, sie könnten künftig von billigeren Spritpreisen profitieren. Die würden nun einmal an den internationalen Märkten gemacht. Und von der Regierung, die Steuern aufschlägt.