Vielleicht sähe Mohamed Bouazizi trotz Revolution immer noch keinen anderen Ausweg als sich anzuzünden. Vor zweieinhalb Jahren verbrannte sich der Gemüsehändler in der Kleinstadt Sidi Bouzid: aus Verzweiflung über seine wirtschaftliche Misere, und weil er von der Polizei gedemütigt worden war. Sein Tod löste eine Revolution aus, die die Region bis heute in Atem hält.

Arbeit und Würde – dafür gingen die Tunesier damals auf die Straße, und dafür stürzten sie den Diktator Zine al-Abidine Ben Ali. Doch durch die Revolutionswirren ist ihre wirtschaftliche Lage vielfach noch prekärer geworden.

Heute ist die Arbeitslosigkeit in Sidi Bouzid so hoch wie damals. Der Ort befindet sich im Innern Tunesiens, weit weg von den Städten und touristisch geprägten Stränden der Küste. Viele Menschen hier sind arm. Wer das Glück eines Jobs hat, bekommt oft nur einen geringen Lohn, der kaum zum Überleben reicht. In der Gegend ist die Landwirtschaft der wichtigste Wirtschaftszweig. Doch die Felder bringen kaum Ertrag. Ackerland und Wasser sind knapp, und es gibt nicht genug Straßen, um die Feldfrüchte auf den regionalen Markt zu bringen.    

Stattdessen führen die wichtigsten Verkehrswege aus Sidi Bouzid nur Richtung Hauptstadt Tunis – ein Symbol für den allgemeinen Zustand des Landes. Seit Jahren wird die Landbevölkerung von der tunesischen Politik vernachlässigt. Auch die Regierung Ben Alis tat kaum etwas für sie. Dabei hätten gerade die Landbewohner besonders dringend politische Unterstützung gebraucht, sagt Annabelle Houdret, Maghreb-Spezialistin am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Bonn. "Aber die Regierung konzentrierte sich lieber darauf, die Städte zu entwickeln und den Tourismus an den Küsten zu fördern."

So kam es, dass Tunesiens Wirtschaft jahrelang boomte und zugleich die wirtschaftliche Ungleichheit im Land wuchs.

Ein Marschallplan fürs Landesinnere

Der tunesische Agrarökonom Mohamed Elloumi hat viel zur Entwicklung des ländlichen Raums geforscht. "Die Spaltung zwischen dem Landesinnern und den Küstenregionen destabilisiert das Land", sagt er. Sie zu überwinden, sei eine der wichtigsten Herausforderungen für die Politik. Es ist keine leichte Aufgabe: "Eigentlich brauchen die ländlichen Regionen einen umfangreichen Marschallplan", sagt Elloumi. "Aber das übersteigt die Möglichkeiten des tunesischen Staats."

Dabei galt Tunesien lange als Afrikas wirtschaftliches Vorzeigeland. Bis zum Sturz Ben Alis wuchs die Wirtschaft um rund fünf Prozent pro Jahr. Der Tourismus florierte, die Textil-, Chemie-, Elektro- und Maschinenbauindustrie trugen einen großen Teil zur Wirtschaftsleistung bei. Die Beziehungen zum wichtigsten Handelspartner, der Europäischen Union, waren gut. Doch im Revolutionsjahr 2011 stürzten die Wachstumsraten auf unter ein Prozent, die Zahl der Feriengäste sank um fast die Hälfte.

Wirtschaftliche Entwicklung braucht stabile Rahmenbedingungen. Doch die Revolution wirbelte die Verhältnisse erst einmal durcheinander. Deshalb hat sich seither an der schlechten Lage vieler Tunesier wenig geändert. "Es stimmt, die Armuts- und Arbeitslosigkeitsraten sind hoch geblieben", sagt Isabel Schäfer, die als Politikwissenschaftlerin an der Humboldt-Uni Berlin den arabischen Frühling erforscht. "Aber so schnell kann sich das auch nicht verbessern."