Ungarn ist gleichzeitig eine Art Steueroase, mit einer linearen Einkommenssteuer von 16 Prozent. Der Staatssektor ist mit mehr als 700.000 Angestellten ähnlich dimensioniert, wie der so oft kritisierte griechische. Rund ein Drittel der Bevölkerung bezieht seinen Lebensunterhalt aus dem Rentensystem.

Anstatt zu privatisieren, kauft die ungarische Regierung Unternehmen auf. So geschah es beispielsweise auch Mitte 2011, als Ungarn rund 21 Prozent der Anteile des ungarischen Öl- und Gaskonzerns MOL vom russischen Unternehmen Surgutneftegas kaufte. MOL gehört zu den wichtigsten und größten Unternehmen des Landes. Surgutneftegas hatte die Anteile erst zwei Jahre zuvor für rund eine Milliarde Euro vom österreichischen Ölkonzern OMV erworben. Die ungarische Regierung kaufte sie für 1,9 Milliarden Euro zurück. Ungarns stellvertretender Ministerpräsident Tibor Navracsics verteidigte den Schritt damals als eine Art Notwehr: "Die Schulden der Haushalte gegenüber den Versorgungsunternehmen sind so hoch, dass es eine soziale Gefahr wird." Der Staat habe einfach eingreifen müssen, um die Preise zu kontrollieren.

Der Konflikt mit dem Währungsfonds eskaliert

Das Ergebnis dieser Politik: Ministerpräsident Viktor Orbán hat die von ihm versprochenen Ziele weit verfehlt. In einem Rundfunkinterview Ende 2011 hatte er noch angekündigt, die Verschuldung bis Ende 2012 auf unter 70, bis 2014 sogar auf etwa 60 Prozent des BIP zu drücken. Beide Ziele werden wohl nicht erreicht werden.

Problematisch ist dabei auch die Struktur der Schulden: "Die durchschnittliche Laufzeit ist zu niedrig", urteilt Wirtschaftsprofessor Magas. "Sie müssen beinahe im Jahresrhythmus refinanziert werden." Deshalb ist die ungarische Regierung permanent darauf angewiesen, sich an den internationalen Märkten mit Geld zu versorgen.

"Die kurzfristige Refinanzierung funktioniert nur, solange es auf den Märkten ruhig bleibt", warnt Magas. "Schon beim kleinsten Anzeichen von Problemen werden die Anlagen abgestoßen." Mit schwerwiegenden Konsequenzen für Ungarn, denn wenn das Angebot von Staatsanleihen am Markt steigt, sinkt deren Preis. Um neue Anlagen verkaufen zu können, müsste die Regierung dann zunehmend höhere Zinsen bieten. Neue Darlehen werden auf diese Weise irgendwann unbezahlbar.

Wesentlich sicherer und auch günstiger für Ungarn wäre es, sich Geld beim Internationalen Währungsfonds (IWF) zu leihen. Der bietet Zinssätze zwischen zwei und vier Prozent – Ungarn zahlte zwischenzeitlich mehr als fünf Prozent. Doch mit dem Geld des IWF sind Bedingungen an eine solide Haushaltsführung geknüpft, die nicht zu der Robin-Hood-Strategie der Regierung Orbán passen: "Wenn wir Geld benötigen, dann besorgen wir es uns von den Märkten", tönte Orbán noch Ende Januar nach einem Treffen mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Vor zwei Tagen sorgte schließlich Orbáns ehemaliger Wirtschaftsminister und aktueller Notenbankchef György Matolcsy für einen Eklat, als er die IWF-Chefin Christine Lagarde dazu aufforderte, die Repräsentanz des Fonds in Ungarn zu schließen. Die Vertretung "sei unbegründet", schrieb Matolcsy.

Im Oktober 2012 hatte die ungarische Regierung zuletzt mit dem IWF verhandelt. Seit sie mit einer mehr als 700.000 Euro schweren Anzeigen- und Plakatkampagne gegen die Forderungen des IWF zu Felde zog, liegen die Gespräche jedoch auf Eis. Anfang Februar wetterte Viktor Orbán in seinem wöchentlichen Rundfunkinterview gegen den IWF und bezeichnete ihn als eine "Krähe, die keiner anderen Krähe ein Auge aushackt". Die Finanzorganisation sei auch nur eine Bank und wolle erzwingen, dass Ungarn die Bankensteuer abschaffe und seine Bürger dafür stärker in die Pflicht nehme.

Im Moment, sagt Ökonom Magas, gehe die Strategie des Volkstribunen auf. Allerdings könne das Land bei Problemen an den Finanzmärkten leicht in die Staatsinsolvenz abrutschen. "Orbán segelt in unbekannten Gewässern."