Zum anderen fiel im Internet plötzlich auf, was für eine Dutzendware Nachrichten sind. Die ausrecherchierte Exklusivgeschichte ist eine exotische Ausnahme. Beliebige Agenturtexte in gestanzter Sprache dominieren die Internetauftritte der Zeitungen, jeder Artikel eines von "155 ähnlichen Suchergebnissen", die bei Google automatisch ausgeblendet werden. In den Printausgaben war dies auch vor dem Internet nicht anders gewesen, aber es konnte den Lesern kaum auffallen, solange sie nur eine Zeitung lasen.

Außerdem erwiesen Duktus und Struktur journalistischer Texte sich im Netz als messbar unlesbar. Zu abstrakt, zu wenig Erklärung, zu sehr gegen allgemeine Wahrnehmungsmuster gestrickt. Nur das alte Publikum ist aus der alternativlosen Zeit konditioniert, diesen Stil als die elitäre Fremdsprache "Journalistisch" hinzunehmen. Doch die Zeitungen änderten sich nicht. Ebenso blieb es in den Druckausgaben für den Frühstückstisch bei der Aktualität auf dem Stand vom Vortag – kein Perspektivenwechsel, egal wie viele Leser die Nachricht dann schon erreicht hat.

Ein weiterer Nebeneffekt: Kundige Leser stoßen auf der Suche nach ihren Spezialthemen immer wieder auf Beispiele für Opportunismus und Recherchedefizite oder auf grobe Fehler in Zeitungen. Das Internet erleichtert deren Nachweis – und es ermöglicht es, die Arroganz von Journalisten bloßzustellen, die zu oft beleidigt reagieren, statt zu tun, was das Netz gebietet: sich dem Publikum zu stellen und mit ihm zu kommunizieren.

Unter alledem hat das Produkt Zeitung gelitten. Und im Netz ist Aktuelles, ist bessere oder leichtere Kost nur einen Klick entfernt. Das jüngere, dank Internet medienerfahrene Publikum meidet klassische Medien, wenn es zahlen soll. Die Verlage sprachen lange von der "Kostenloskultur im Netz". Doch die gibt es nicht. Denn die Leute sind bereit, für Inhalte zu zahlen. Aber eher nicht bei Zeitungen. Darin liegt eine gewisse Ironie, denn in den sozialen Medien werden klassische Medieninhalte massenhaft verlinkt und diskutiert. Größere Aufmerksamkeit findet dort jedoch nur das Besondere – Exklusives, Kontroverses, Skurriles. Herkunft und Marke dieser Artikel spielen keine Rolle. Und Lokales, weit mehr als die Hälfte allen Zeitungsjournalismus, kommt gar nicht vor.

Es ist zwar noch immer möglich, mit seriösem Journalismus, ja sogar mit Print-Publikationen stabil Geld zu verdienen und zu wachsen. Aber die Beispiele dafür sind schnell aufgezählt, allesamt von besonderer Qualität auch sie. Bezahlt werden Inhalte massenhaft zum Beispiel bei Apple. Musik, Filme, Spiele, Literatur. Ja, auch News. Doch deren Marktanteil ist lächerlich gemessen an ihrer gesellschaftlichen Bedeutung.

Größter Inhalte-Verkäufer ist Amazon, bald die große junge Schwester der ehrwürdigen "Washington Post". Die gehört zu den Blättern, die noch am wenigsten Schuld an der Misere der Branche trifft. Aber auch sie hat sich nicht bewegt, als es darauf ankam. Immerhin bleiben ihr die starke Marke, der Hinweis auf Watergate – doch wer von den Jungen versteht diesen, ohne bei Wikipedia nachzuschauen?