Man sagt Jeff Bezos nach, es gehe ihm nur um die Daten seiner Kunden und um das schnelle Geld mit möglichst billig eingekauftem, beliebigem Content. Dabei wird ignoriert, dass er sich immer wieder teure Experimente geleistet hat, um Neuland zu erkunden. Solche Experimente wagt kein Verlag, so groß der Druck auch sein mag. Und es wird auch ignoriert, dass Amazon Qualität durchaus zu schätzen weiß und fördert: wenn sie sich verkauft. Selbstzweck ist sie nicht.

So wenig wie im Verlagsgeschäft, nebenbei bemerkt. Redaktionelle Freiheit und Unabhängigkeit sind entscheidende Argumente für eine gute Zeitung, aber man muss sie sich leisten wollen. Die Sparerei vieler Verlage bewahrt gerade das journalistische Qualitätsminimum, in Lokalblättern auf nicht umkämpften Märkten oft weniger. Dort organisieren einige wenige Redakteure überwiegend den unkritischen Abdruck dessen, was Anzeigenkunden und Geschäftspartner des Verlags, örtliche Behörden und lokale Interessenträger an Pressemitteilungen und Fotos aufgereihter Honoratioren einliefern. Die Alten lesen das noch. Die Jungen schauen nicht hin. Bei steigenden Abonnementpreisen hat diese sogenannte Ausschöpfungsstrategie mit journalistischen Ansprüchen nichts zu tun. Sie ist eine Wette darauf, wie stark und wie lange ein schwindendes, überaltertes Publikum bei halbwegs stabiler Rendite noch gemolken werden kann.

Amazon dagegen wächst. Jeff Bezos, jetzt auch Herr über die Washington Post, ist im Internet zu Hause, ein Digital Native. Er beherrscht, was die Zeitungen nicht hinbekommen: einem jungen, aufgeweckten und zahlreichen Publikum stabil und massenhaft Inhalte zu verkaufen, diese in einer Internet-Community mit den Käufern zu diskutieren und von ihnen bewerten zu lassen, um damit weiteres Interesse zu erzeugen und neue Themen zu erschließen, neue Käufer zu gewinnen und auch diese für weitere Käufe bei der Stange zu halten. Ausgeliefert wird per Download, direkt auf den E-Reader oder per Post. Verschickt wird auch tonnenweise bedrucktes Papier. Bei Weitem nicht nur Schund.

Mag sein, dass wir gerade dem Anfang vom Ende der Zeitungstradition beiwohnen, wie wir sie kennen. Es könnte der Neustart des journalistischen Massenmediums "Zeitung" sein. Jedenfalls fühlt sich die Übernahme der defizitären "Washington Post" durch Jeff Bezos besser an als der Verkauf der profitablen, preisgekrönten "Berliner Morgenpost" und des "Hamburger Abendblatts". Die beiden deutschen Regionalblätter wechseln aus der Hand des Axel Springer Verlags, dessen Stolz eben noch – neben seinem wachsenden Internet-Geschäft – vorgeblich auch Investitionen in Qualitätsjournalismus waren, zur Funke-Gruppe. Das sind die Sparprofis der Essener "WAZ".