Al Jazeera, der Medienkonzern aus dem kleinen arabischen Emirat Katar, will den Amerikanern zeigen, was gute Nachrichten sind; durch seinen Ableger Al Jazeera America (AJAM), seit wenigen Tagen auf Sendung. Es ist ein ehrgeiziges Experiment, denn den Kataris geht es nicht nur ums Fernsehen. Doch ihre Erfolgsaussichten sind unklar.   

Der Start des neuen Senders war als Event inszeniert. Der Zuschauer sah eine Gruppe von Fallschirmspringern, die sich von einer Klippe in die Tiefe stürzten. Danach, um Punkt 15 Uhr Ortszeit an der US-Ostküste, stieg ein verschlungener gelber Schriftzug vor einem ozeanblauen Hintergrund auf. AJAM war geboren.     

Der Sender setzt auf dem Publikum vertrautes Personal. Viele prominente Journalisten sind zu AJAM gewechselt. Ali Velshi zum Beispiel, vorher Wirtschaftsredakteur beim Nachrichtenkanal CNN. Oder Joei Chen, zuvor bei CNN und CBS. Sie moderiert America Today, die AJAM-Haupt-Nachrichtensendung um 18 Uhr. Die neue Präsidentin von AJAM, Kate O'Brian, hatte früher eine leitende Funktion bei ABC.     

Der Anspruch ist hoch, und bei Al Jazeera wird nicht gekleckert. Im Dezember 2012 kaufte der Sender, der von der katarischen Herrscherfamilie kontrolliert und finanziert wird, dem früheren Vize-Präsidenten Al Gore seinen defizitären Sender Current TV für 500 Millionen Dollar ab. Seither hat der Sender in den USA 850 Mitarbeiter eingestellt und zwölf Büros eröffnet. Das schicke Hauptquartier liegt direkt am Bahnhof Penn Station in New York. Zusätzlich hat die US-Filiale Zugriff auf die 70 weltweiten Korrespondentenbüros des 1996 gegründeten Senders.

Vorbild BBC

Im schnelllebigen amerikanischen Fernsehgeschäft will Al Jazeera eine Lücke füllen. Weg von den Talkshow-Runden bei CNN, Fox und MSNBC, in denen die immer gleichen aufgeregten Kommentatoren polemisieren und über die banalsten Themen diskutieren – hin zu seriösen Nachrichten und Reportagen à la BBC.  "Wir wissen, dass Amerikaner tief gehende Berichte über Nachrichten wollen, die sie etwas angehen", sagt der für das internationale Geschäft zuständige Al-Jazeera-Manager Ehab Al Shihabi, der den Aufbau von Al Jazeera America verantwortet. "Sie wollen eine unvoreingenommene Berichterstattung und weniger Meinung. Darum geht es bei Al Jazeera."

Aber haben die Amerikaner wirklich so großen Appetit auf Qualitätsnachrichten? Und glauben sie ausgerechnet einem von einer arabischen Despotenfamilie gelenkten Sender, dass er unvoreingenommen über ihr Land berichtet?

Amerikanische Kabelnachrichten sind ein harter Markt, der bestenfalls stagniert, während immer mehr Nutzer zu mobilen Angeboten abwandern. Und Al Jazeera America erreicht bisher nur rund 45 Millionen Haushalte – weniger als die Hälfte der Kabel-Abonnenten in den USA.

"Selbst wenn Al Jazeera ein aufregendes neues Produkt präsentiert, kämpft der Sender um einen winzigen Teil des Marktes", sagt Adel Iskandar. Der Experte für Medien und Nahostpolitik an der Georgetown Universität in Washington zweifelt außerdem daran, dass die große Öffentlichkeit wirklich Interesse an langen Nachrichtenformaten hat, wie sie Al Jazeera bietet.