ZEIT ONLINE: Herr Schulz, haben Sie privat fürs Alter vorgesorgt?

Martin Schulz: Warum?

ZEIT ONLINE: Private Anleger werden im Moment in Europa schleichend enteignet. Die niedrigen Zinsen fressen ihre Sparguthaben auf. In Deutschland wird die Europäische Zentralbank deshalb gerade scharf angegangen.

Schulz: Es stimmt: Die niedrigen Zinsen sind für die kleinen Kapitalanleger und Sparbuchbesitzer ein großes Problem.

ZEIT ONLINE: Die Kritik an der EZB ist also berechtigt?

Schulz: Nein. Die Zentralbank versucht, durch die niedrigen Zinsen die Euro-Zone vor dem Zusammenbruch zu schützen. Gott sei Dank mit großem Erfolg.

ZEIT ONLINE: Ihr Parteikollege Peer Steinbrück hält die niedrigen Zinsen dennoch für einen "ziemlich unsäglichen Zustand".

Schulz: Wir diskutieren darüber ja nicht erst seit gestern. Was ist im Moment wichtiger, der Kampf gegen die Inflation, oder eine aktive Stützung der Konjunktur durch die EZB? Meiner Meinung nach hat die Konjunktur im Moment Vorrang.

Das Problem ist nur: Die niedrigen Zinsen kommen nicht in der Wirtschaft an. Die Banken horten das billige Geld und reichen es nicht in Form von Krediten an die Unternehmen weiter. Deshalb wird zu wenig investiert.

ZEIT ONLINE: Was kann man dagegen tun?

Schulz: Wir dürfen nicht zulassen, dass sich Banken für quasi null Zinsen bei der EZB mit Geld eindecken, nur um es zu bunkern oder für sich selbst gewinnbringend anzulegen. So befeuern wir am Ende vielleicht eine neue Spekulationsblase. Viele Banken gehen gerade wieder hohe Risiken ein.

Wir müssen prüfen, ob wir die Banken rechtlich dazu verpflichten können, das billige Geld zumindest anteilig an die Wirtschaft weiterzugeben. Natürlich zu günstigen Konditionen.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Monaten hat sich die Euro-Zone aus der Rezession gearbeitet. Haben wir das Schlimmste bereits hinter uns?

Schulz: Das Ende der Rezession ist eine gute Nachricht, aber die Krise ist damit noch längst nicht beendet. In Europa gibt es immer noch erhebliche Ungleichgewichte, die von den durchschnittlichen Wachstumszahlen überdeckt werden.

Wenn wir die Krise wirklich beenden wollen, müssen wir die Regionen wieder aufbauen, die seit fünf oder gar sechs Jahren in einer Rezession stecken – wie beispielsweise Griechenland. Dort muss Wachstum, müssen Arbeitsplätze geschaffen werden.